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Die Ostsee: Zwischen Lübeck und Wismar - zwanzig Jahre nach der Wende

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    Roswitha Schieb

In diesem Sommer hatte die Ostsee keine Gänsehaut. Wer baden wollte, konnte hineinspringen ohne zu frösteln. Manchmal war das Wasser durch den Wellengang aufgewühlt. Dann schlangen sich mitunter Algen um Arme und Beine. Dazu rauschte es, rauschte und rauschte gehörig, wenn die Wellenkämme umschlugen und zu weißem Schaum wurden. An anderen Tagen war das Meer stiller und so glasklar, daß niemand mehr die Quallen als Vergrößerungsglas brauchte. Dann rauschte es nicht, sondern plätscherte nur an einen Strand, der vor zwanzig Jahren noch eine Todeszone gewesen war. Kieselsteine und Granitblöcke lagen im Sand und im Wasser, von Kindern als Tritons Thron, Tritons Studierzimmer, Tritons Umkleidekabine und Tritons Reisetischchen benannt. Hin und wieder waren Betonpfähle ins Wasser gekippt, zwischendurch rosteten Eisenleitern in der flachen See. Es gab Tage in diesem Sommer, an denen der Strand fast menschenleer war, und kam doch einmal jemand vorbei, so konnte es ein Wilder sein, ein Eingeborener aus den letzten Alternativresiduen Lübecks und Hamburgs, ein Gaukler, am Piratenstrand ausgestiegen. Weiter hinten dann wurde sichtbar, woher er kam, aus kleinen Zeltansiedlungen mit Kindern, Hunden, bunten Tüchern und Lagerfeuerchen. Freundlich und still grillten die Stadtindianer ihr Bio-Fleisch, rauchten ihre Gesundheitszigaretten und tranken ihr Bier. Keine Lenkdrachen knatterten im Wind, und keine Heulbälle flogen durch die Luft. Bloß einmal brachte eine steife Brise von Osten her Wolken von Marienkäfern und schwarz-gelben Schwebfliegen heran, die ein paar Tage lang alle Strandbewohner zwickten und kitzelten, bis die Populationen verendeten und eine nächste Brise die Übriggebliebenen nach Westen davontrug.

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Regelmäßig wurde die Horizontlinie von rechtwinkligen Formen unterbrochen. Fährschiffe fuhren von Travemünde nach Skandinavien oder kamen aus dem Baltikum nach Travemünde zurück, nahe genug, um die Aufschriften zu erkennen, und weit genug weg, um das Stampfen der Motoren nicht zu hören. Blau-schwarz schillerte das Meer, grün-schwarz oder grau-schwarz, je nachdem, was für ein Himmel sich spiegelte, salziger oder weniger salzig schmeckte das Wasser, je nachdem, aus welcher Richtung der Wind kam. Im Rücken erhob sich eine kleine Steilküste, keine mythischen Kreidefelsen, sondern eine Kante aus Lehm, angenagt von den Winterstürmen, macherorts die Bäume herabgebrochen und in Sonne und Salzluft bleichend. Die hohen Lehmwände waren von Schwalbenbauten durchlöchert, die wie Nekropolen einer untergegangenen pygmäischen Urbevölkerung wirkten. An wenigen Stellen nur ließ sich die Steilküste auf lehmigen Stufen bezwingen. Durch dichte Gebüsche, in denen Brombeeren und Aaronstäbe wucherten und Marderhunde oder Dachse raschelten, führte der Weg ins Freie und eröffnete den Blick über Weizen- und Rapsschläge. Zwischen dem Küstengebüsch und den Feldern aber schlängelte sich ein schmales Asphaltband, auf dem hochtechnisierte Radfahrer dahinschossen, die auf den steilen Bodenwellen ihre Gänge zum Einsatz bringen konnten. Vor zwanzig Jahren noch gehörte dieser Weg zum Todesstreifen, befahren lediglich von Fahrzeugen der Grenztruppen, für alle anderen aber, so wie auch der ganze Strand, verboten, unter Androhung des Verlusts von Leib und Leben.

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Die Kirchtürme waren in die Landschaft eingebettet und von Holzschindeln geschuppt. Nicht geturnt hatte der Teufel an den Kirchtürmen, so gerade ragten sie in den Himmel, aber gedreht hatte er den einen oder anderen Turm einer Dorfkirche, der sich dann mit einem Drall in seinem Gebälk nach oben schraubte. Von Güstrow über Bützow bis Klütz und zur Küste zeigte sich derselbe Kirchentypus, rote mittelalterliche Backsteine und Kirchturmdächer, die der liebe Gott wie ein Zelt zur Wohnstatt nehmen sollte. Da der Bildersturm in diesen Gegenden mäßig ausgefallen war, glänzten auch heute noch goldene Heiligenfiguren mit ihren Marterwerkzeugen am Altar, schauten kindliche Deckenfresken vom Anfang und vom Ende der Welt herab, das lächelnde Paradies und die grinsenden Teufel mit ihrem Höllenrachen, der auch Könige und Bischöfe verschlang. In manch einer Dorfkirche war der Raumeindruck allerdings durch den Triumph des Feudalismus beeinträchtigt: große hölzerne Emporen ragten wie Riesenlogen von allen Seiten in den Kirchenraum hinein, geschmückt mit den Wappen der maßgeblichen Feudalfamilien des Sprengels, wuchtig ihre Macht demonstrierend, gebannt in Selbstvergottung, während ihre Seelen sich unten in den vorgeschriebenen Bänken drängen mußten. Noch heute waren die Beschriftungen der Kirchenbänke nach Dörfern und nach Rang innerhalb der Dörfer in Frakturschrift zu lesen. Recht weit vorn besaßen die Lehrer Extrabänke, wohingegen sich das Kirchenpersonal in einer eigentümlichen Devotionsgeste ganz hinten verkriechen mußte. Engagierte Mitglieder der kleinen Gemeinden hielten nun die Kirchen zu bestimmten Zeiten offen, warben mit Treten Sie wieder ein, Offen für Sie, Kirchen in Not, Jede Kirche ist eine Kircheneintrittsstelle, erzählten bereitwillig Geschichten aus älterer, jüngerer und jüngster Zeit, Geschichten von Lehrern in der DDR, die die Kirche ihres Wohnortes aus Ablehnung alles Religiösen nicht ein einziges Mal, und wenn auch nur zur ideologischen Abschreckung, betreten hätten, oder Geschichten von einem LPG-Vorsitzenden, der nicht einmal anläßlich der Beerdigungsfeier eines seiner Mitarbeiter einen Fuß in die Kirche gesetzt, sondern mißmutig draußen auf das Ende der ihm unverständlichen Veranstaltung gewartet hatte. Vor der Wende waren wir fünfzehn bis zwanzig Gottesdienstbesucher, und nach der Wende sind wir genauso viele oder wenige geblieben, erzählte der eine, und eine andere erzählte, daß sie in ihrer Kirche sonntags nur zu viert oder zu fünft seien. Das war bei den Katholiken, die es in Mecklenburg eigentlich gar nicht gab und deren Anzahl erst durch die Vertreibungen aus dem Osten nach 1945 größer geworden war, anders: sie trafen sich in kleinen, moderneren Kirchenräumen von eher kapellenartigem Format und mußten in der Urlaubszeit noch Bänke bis auf den Vorplatz hinaus dazustellen, da der kleine Raum die zweihundert Gläubigen gar nicht fassen konnte. Das konnte auch den Protestanten nicht verborgen bleiben, weswegen sie sich ihrerseits um Ökumene bemühten und auf den Büchertischen der Kirchen Titel wie Evangelisch ist auch katholisch. Neues Verständnis der Ökumene auslegten. Dabei waren ja die alten Kirchen schöner, bedeutender, komplexer mit all ihren Fresken, Altarbildern, Fenstern und Orgeln, Orgeln, deren Anschlag so schwergängig war, deren Pedale so klapperten, und deren Töne dann so weich durch den Kirchenraum klangen. In der Kirchenmusik verlor der Protestantismus seine Härte. Sogar die hohen Pfeifen bliesen nicht schrill und gellend, sondern hell und zart, und die tiefen Pfeifen hüllten die Hörer ein wie ein warmer Pelz, wie ein großes, atmendes Tier, das hin und wieder laut die Luft ausstieß, wenn das Ablaßventil geöffnet wurde. Lebendig wirkten diese Orgeln, erfüllt die schönen Räume. Dennoch waren die Kirchen leer. Sie standen da, wie verzauberte Landmarken, reckten ihre Kirchturmspitzen in den Himmel, diese Zelte Gottes, diese Bischofsmützen, rhythmisierten die Landschaft, rythmisierten auch die Wasserseite, wenn sie aus den Dünen und Schilfgürteln der Küste und kleiner Inseln aufragten und waren so spitz, daß eine überirdische Hand sich daran hätte stechen können.

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Eigentümlich waren die Dörfer in ihrem Spagat zwischen Verlorenheit im Zonenrandgebiet und lebendigem Bauernleben, zwischen Kampfspuren gegen den Feind jenseits der Grenze und Reetdachidylle. Es gab Dörfer in Grenznähe, in denen fast kein einziges altes Haus übriggeblieben war, da die Grenztruppen, die NVA es sich zum Beobachtungspunkt auserkoren hatten. So säumten Mietshäuser aus den sechziger Jahren die Dorfstraße, heute zu Teilen unbewohnt und auf neue Mieter wartend, freie Flächen zum Verkauf angeboten für den Eigenheimbau, und wäre nicht neben einem grünverlandeten Feuerlöschteich das Schild Dorfplatz aufgestellt worden, niemand hätte gewußt, wo früher das Zentrum des Ortes gewesen wäre. Heute war der NVA-Beobachtungspunkt in eine weithin sichtbare Nato-Beobachtungskugel umgewandelt worden, die wie ein großer Bovist aus den Feldern aufragte und dieses Dorf zu einem der sichersten machte. Die Mietshäuser waren wohl nicht nur für die Grenztruppen- und Soldatenfamilien gebaut worden, sondern vor allem für die Landarbeiter, die auf dem VEG, dem volkseigenen Gut, gearbeitet hatten. Bis zu hundert waren es, erzählten die Leute, mit zig Ausbildungsplätzen bis zum Diplomlandwirt für die Jugend, ein buntes, lebendiges Bauerntreiben muß also vor der Wende im Schatten des Todesstreifens geherrscht haben, und wieviele Beschäftigte gab es nun auf dem Gut nach der Wende? Noch genau vier, erzählten die Leute. Der Weizen stand gut in diesem Sommer. Fruchtbar war der Boden und zu gut für Gerste und Roggen. Bloß Raps wechselte mit Weizen ab. Von morgens um zehn Uhr bis Mitternacht brummten die Mähdrescher über die gewellten Schläge, in Staubwolken gehüllt, regelmäßig ihre langen Rüssel ausfahrend und ihre Bäuche in die Treckeranhänger entleerend, zunächst die kleinen schwarzen Rapssamen, die zu Milliarden große Haufen ergaben, dann die Weizenkörner. Riesige Fendt- und John-Deere-Trecker rasten mit ihren Weizen- und Rapslasten durch die Dörfer zu ihren Sammelplätzen, rasten durch die Mittagshitze und durch die Abenddämmerung, und rasten leer wieder zurück auf die Felder. Schnell ging die Ernte mit den großen Maschinen, die nachts mit Flutlicht arbeiteten, mit den megalomanen Traktoren aus Amerika, die die Kinder in Angst und Schrecken und die Erwachsenen in Erstaunen versetzten, und gegen die die Trecker in Brandenburg wie eingeschrumpfte, filigrane Spielzeuge wirkten. Von Tag zu Tag wuchsen die Raps- und die Weizenberge und konnten an ihren Sammelstätten nur noch mit Schaufelbaggern bewältigt werden. Die industrielle Arbeit feierte Triumphe auf dem Lande. Zwischendurch aber gab es immer wieder Öko-Höfe mit Bio-Bauern, auf deren Feldern wenig wuchs. Das Wenige aber war begehrt bei den sanften Touristen von den Piratenstränden, es zog alle Stadtindianer und Gaukler magisch an. Dort kauften sie ihr Gemüse und aßen ihren Kuchen mit echtem Genuß. Die Reethäuser, die es in anderen Dörfern statt der kleinen Mietskasernen durchaus gab, taten dem Auge und dem Gemüt wohl. Hier ließ sich von einer Bauernidylle träumen, besänftigend umbrummt von den Mähdreschern, bis der Geruch, den die jauchzenden Bauern mit einem Mal über die Felder breiteten, auch die tiefsten Träumer wieder an den Strand zurückscheuchte.

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Die Küste war wild. In östlicher Richtung wurde sie immer wilder. An Barfußlaufen am Strand war nicht zu denken, und sogar mit Sandalen war das Vorwärtskommen mühsam, da es nur noch Steine gab, kleine und große. Tritons facilities, als Tritons Felsküche, Tritons Waschbecken, Tritons Eßtisch zunächst noch von der kindlichen Einbildungskraft benannt und bejubelt, wurden mit dem langen Weg schließlich inflationär, so viele Felsbrocken türmten sich an diesem Abschnitt der Küste, die das Wasser unerreichbar machten. Nicht einmal ein kühlendes Fußbad war möglich. Rechts stiegen die kahlen Lehmwände hoch, links schwappte die See an die Steine und rundete sie noch mehr ab. Jeder entgegenkommende Wanderer löste Freude aus, in dieser Einöde nicht allein zu sein. Schilfbüschel wuchsen am Strand, und kleine schloonartige Gräben ließen die Schuhe im Lehm versinken. Dann wieder knirschten die Sohlen über einen bläulichen Weg, eine fein zerriebene und zermalmte Muschelbank, auf der es sich sehr angenehm lief. Mit jeder erreichten Küstenecke stieg die Hoffnung auf einen plötzlichen Panoramablick, der das Seebad Boltenhagen freigeben sollte. Aber einem Küstenvorsprung folgte der nächste, und der nächste, und der nächste, bis der letzte endlich keine lange Nase mehr drehte, sondern sich zur Boltenhagener Bucht öffnete. Sofort wandelte sich der schroffe Charakter der Natur und wurde lieblicher, Sandstrände taten sich auf, das Meer wurde zugänglich, die Steilküste flachte ab, Strandkörbe sprießten aus dem Boden. Hier war auch vor der Wende das Baden erlaubt gewesen, hier war das große non plus ultra, bis hierher und nicht weiter. Boltenhagen, dieses beinahe älteste Seebad der Ostseeküste, lag friedlich in der Sonne und breitete sich gemächlich in seiner sandigen Bucht aus. Voll war das Bad, summend und brummend, ein bißchen sächsisch und sogar ein bißchen international. An der Seebrücke war eine kleine, etwas pflichtschuldig wirkende Gedenktafel angebracht, zur Erinnerung an diejenigen, die zwischen 1961 und 1989 bei Fluchtversuchen über die Ostsee den Tod gefunden hatten. Dahinter lockten zierliche Kurpavillons mit Büchern, Läden mit bunten Tüchern, Giebel- und Bogenhäuschen mit Eis. Der Rückweg führte nicht mehr am Ufer entlang, sondern oben über die Steilküste in Richtung Westen. Ein Fußpfad mit den herrlichsten Ausblicken über die Ostsee machte das Gehen zum Genuß, bis der Weg immer mehr von Marienkäfern bedeckt war, die sich schließlich zu einer dicken, zusammengetretenen Schicht auswuchsen, die sterblichen Reste der Plage, die unangenehm unter den Füßen knirschten und noch unangenehmer hin und wieder in die Sandalen rutschten. Vor genau zwanzig Jahren habe es schon einmal eine solche Plage gegeben, erzählte ein Wanderer, und ein anderer breitete gleich ungefragt sein verschwörungstheoretisches Weltbild aus, daß nämlich diese vielen Käfer ganz klar Folge der industrialisierten Landwirtschaft seien, da noch von Natur zu sprechen, sei ja geradezu verantwortungslos. Immer weiter schlängelte sich der Weg, und immer schöner wurden die Ausblicke. Da, wo der Todesstreifen angefangen hatte, mit Wachtürmen und Zäunen, lag heute ein Golfplatz in der Stille. Schön war es hier oben, schwebend zwischen dem Meeresblau und dem Himmelsblau, und der Blick in Richtung der westlichen Ostsee wurde immer weiter.

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Klütz, das dem ganzen Winkel zwischen Lübeck und Wismar seinen Namen gegeben hatte, wirkte wie ein perfektes Landstädtchen. Der Kirchturm war weithin zu sehen und auch die Mühle. Ein riesiges Schloß aus der Zeit des Rokoko gab es, über dessen Nutzung Wettbewerbe ausgeschrieben wurden. Gut erhaltene Ackerbürgerhäuser aus Fachwerk oder rotem Backstein säumten die Straßen, durch die allerdings der gesamte Verkehr rumpeln mußte, die Urlauber und die wuchtigen John-Deere-Trecker mit ihren Ernteanhängern. Ansonsten aber war die Atmosphäre beschaulich. Eine Kirche, ein Arzt, eine Apotheke, ein Uwe-Johnson-Literaturhaus in einem alten Speichergebäude mit Ausstellung zum Autor und umfangreicher Bibliothek für Kinder und Erwachsene, für Einheimische und Sommergäste, eine Mühle, ein katholische Kapelle, ein Schloß, gleich drei Blumengeschäfte, Cafés, Restaurants und Läden. Neben den üblichen Einkaufsketten an der Ausfallstraße nach Boltenhagen gab es direkt am Marktplatz ein kleines, gut sortiertes Lebensmittelgeschäft, das eigenartigerweise den Namen Ihre Kette trug. In der Nähe befand sich das Klützer Kaufhaus mit einem bemerkenswerten Sortiment von Haushaltswaren bis zu Textilien, von Geschenken über Schreibwaren bis hin zu Schuhen und anderen nützlichen Dingen. Auch die Post hatte hier ihr Unterkommen gefunden. Eine Frau aus Hamburg, die in einer der Umkleidekabinen Unterwäsche anprobiert hatte, wurde beim Heraustreten von ihrem übermäßig gebräunten Mann, der eine Miniplifrisur trug, mit den begeisterten Worten begrüßt, daß es bei uns in Eppendorf auch unbedingt so einen Laden geben müßte. Am schönsten aber war die Klützer Mühle. Auf einer Anhöhe ragte sie auf, und von ihrer umlaufenden Galerie aus erschloß sich das 360°-Panorama des gesamten Klützer Winkels und darüber hinaus. Anfang der achtziger Jahre hatte die Mühle abgerissen werden sollen, wie so viele historische Gebäude in dieser Zeit. Doch der Protest und das Engagement der Klützer Bürgerschaft verhinderten diese Pläne. In vollständiger Eigenleistung gelang es der Bevölkerung noch in der DDR, die Mühle nicht nur zu erhalten, sondern sie zu einem Restaurant umzugestalten. Die Speisekarten erwähnte die genaue Anzahl der freiwilligen Arbeitsstunden, die in die Tausende gingen. Noch heute zeugte die unveränderte Inneneinrichtung auf drei Etagen - ganz oben eine Bar - von der erstaunlichen Leistung, in Zeiten der Materialknappheit das komplette Mobiliar herzustellen, und von der handwerklichen Geschicklichkeit, eine ansprechende Einrichtung zu zimmern, schlicht, zeitlos, elegant, mit einem Schuß Rustikalität, die zum Ort paßte. Diesem Restaurant mit tadelloser Küche und traditioneller Propperkeit gelang es, die Wende unbeschadet zu überstehen und sich nach wie vor großer, vielleicht sogar wachsender Beliebtheit zu erfreuen. In der obersten Etage konnten die Gäste die hölzernen Zahnräder und das Mühlengestänge sehen, dazu Fotos und altes Mühlenzubehör. Dieses Bauwerk war ein Kleinod der Sinnhaftigkeit und vor allem des Bürgerstolzes in Zeiten der Bevormundung, die jedoch an diesem Teil der Mecklenburger offenbar hatte abprallen können.

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Die Autos fuhren wie von selbst auf den kleinen Straßen des Klützer Winkels. Sie fuhren durch beschauliche Dörfer, über die Rumpelplatten der Feldwege, enlang einzelner Gehöfte, die in grünen Senken lagen, sie fuhren selbst im Hochsommer durch Stille und Einsamkeit. Nur wenige Tiere standen draußen auf den Wiesen, zu fruchtbar war das Land für Kuhweiden, Felder reihten sich an Felder und hörten gar nicht mehr auf. Schmal und schmaler wurden die Straßen. Dann war es nur noch eine, die sich durch die Feldeinsamkeit schlängelte, noch einmal eine Kurve nach rechts, eine Kurve nach links, und - so als hätten die Autofahrer eine unsichtbare Wand übersehen - eröffnete sich plötzlich eine andere Welt, wie abgeschnitten von derjenigen eine Kurve zuvor, eine andere Hemisphäre, eine andere Mentalität. Dies waren die letzten Ausläufer des Gebiets von Lübeck-Travemünde, bis in den letzten Winkel parzelliert, genutzt, vollgebaut mit Eigenheimen, Bungalows, Ferienhäuschen, Parkplätzen, Vergnügungseinrichtungen in diesem ehemaligen land's end. Die Autos, die sich wenige Minuten zuvor noch einsam durch die Landschaft geschlängelt hatten, standen plötzlich im Stau, der von der Autofähre über die Trave herrührte. Da aber die beiden Fährschiffe emsig hin- und herfuhren, blieb der Stau überschaubar. Dennoch standen an dieser Durchgangsstraße einige Häuser zum Verkauf, deren Besitzern es nach der Beendigung des deutsch-deutschen Dornröschenschlafes wohl zu unruhig geworden war. Westdeutschland grüßte, und es grüßte freundlich, denn schön war Travemünde anzusehen mit seinen Giebelhäuschen am anderen Ufer. Am Skandinavienkai wurden die riesigen Fährschiffe, die auch die Klützer Horizontlinie regelmäßig auflockerten, ent- und neu beladen. Das alte Segelschulschiff Passat von 1911 lag im Passathafen vor Anker. Wohlleben und die Behaglichkeit eines Kurortes machten sich breit. Selbst die Quallen, die sich im Hafenbecken tummelten, waren hier größer. Kapitäne, die nicht mehr zur See fuhren, hatten sich in kubischen Eigenheimen mit relingartigen Treppen und Anker im Garten zur Ruhe gesetzt. Die gediegene städtische Zivilisation tat eine Weile lang gut. Dann aber regte sich die Sehnsucht nach dem Bauernland, nach den wilden Stränden, eine Sehnsucht, die das Steuer in Richtung Osten drehen ließ. Unbehelligt ging es durch das Schlupfloch zurück. In wenigen Minuten waren die Ruhe und Stille wieder hergestellt und die Hoteltürme nur noch als winzige, graublaue Vierecke in der Ferne auszumachen.

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Nur noch die alten Speicherhäuser von Wismar, die den von der Seeseite Ankommenden begrüßten, erinnerten in ihrer verrammelten Finsternis an Nosferatu, diesen Vampirfilm von Fritz Lang, der hier, vor den barocken Giebelhäusern der Stadt im Jahr 1922 gedreht wurde. Vor zehn Jahren waren diese Kaufmannshäuser baufällig und mit Brettern vernagelt gewesen, so daß die morbide Nosferatu-Stimmung durch die ganze Altstadt wehen konnte. Heute aber, an einem sorglosen Sommertag in den großen Ferien, war dieser Eindruck grundlegend verschwunden. Scharen von Ostseeurlaubern zogen durch die frisch renovierten Straßen und über die weiten Plätze, Wolken von Gelächter stiegen in den Himmel, und die Stadt wirkte so heiter und gelassen, daß jegliche Vorstellung von gischterfüllter Salzluft, Pest und Düsternis zerstob. Selbst im schwindeldhohen Raum der Nikolaikirche war kein Platz für existentielle Gedanken, so munter summten die Urlauber, so leicht improviserte die Orgel Beatles-Songs, Hey Jude und Yesterday. Nur flackernde rote Lichter in Kreuzform strahlten in einer Ecke der Kirche Schwere aus, trauerten sie doch um die Schließung der Wismarer Werft. Auch außen an der Kirche war ein großes Transparent angebracht, das mit bitterem Vorwurf Gottes Maßgabe, der Mensch solle sechs Tage arbeiten und am siebten Tage ruhen, einklagte, daß dann der Mensch eben auch sechs Tage in der Woche Arbeit haben müsse. Doch in der leichten hellen Brise dieses Sommertags ließen sich diese Forderungen mit der sonstigen Küstenfolklore vermischen. Selbst die Ruine der Marienkirche, die im Krieg teilweise zerstört, unter Ulbricht dann gesprengt worden war und heute wieder aufgebaut werden sollte, machte einen fröhlich-umwimmelten Eindruck, da sie von kleinen, bauhüttenartigen Werkstätten umgeben war, in denen von den Besuchern Ziegelsteine für den Aufbau gekauft und bearbeitet werden konnten. Ihr Turm von staunenswerter Höhe erschien vom Schiff, von der Seeseite aus, als das Wahrzeichen der Wismarer Bucht. Auch in der Kirche des Heilig-Geist-Spitals, in der im ausgehenden Mittelalter bresthafte und sieche Menschen auf Heilung, zumindest auf Linderung gehofft hatten, war nichts vom Eindruck des Schmerzensreichen zu spüren, im Gegenteil. In einer Ecke befand sich eine bunte Kinderspielzone, ein mittelalterliches Kreuzworträtsel, das, in alle Richtungen gelesen, etwa zweihundertfünfzig Mal deo gracias ergab, grüßte vom Altar, Marienbildstöckchen für Prozessionen, an die Kirchenbänke gesteckt, erinnerten die katholische Zeit, die dicken Deckenbalken bogen sich, und die Besucher strotzten vor Gesundheit. Einzig die St.-Georgs-Kirche ließ die Sommergäste frösteln. Vor zehn Jahren noch eine Ruine, war sie in den letzten Jahren wieder aufgebaut worden. Hohe Gewölbe aus rotem Backstein verströmten einen geschichtlichen Ernst, als sei die Kirche von den Lavamassen eines viele Jahrhunderte zurückliegenden Vulkanausbruchs befreit worden. Kahl und ausgeweidet war der Raum, und dennoch wirkte er wuchtig lastend. Seltsamerweise vermittelte ausgerechnet dieses riesige leere Kirchenschiff einen Begriff von der Macht und dem Reichtum der Wismarer Handelsherren während der Blütezeit der Hanse, als in Wismar Bier gebraut wurde, die Feldfluren um die Stadt nicht mit Weizen und Raps, sondern mit Hopfen bebaut, und das Bier in Fässer gefüllt und weithin verschifft, sogar bis nach Indien. Von den damals über einhundertachtzig Brauereien waren heute nur noch sehr wenige übriggeblieben, Hobbybrauhäuser für die Urlauber.

Wismar war aufgeblüht, aber nicht aus eigener Kraft, sondern mit Geld von außen. Die großen Kirchen wurden gerettet, die alten Häuserzeilen bewahrt. Der disneylandhafte Eindruck einiger neugestrichener Straßenzüge würde nach einigen Wintern in Salzluft und Nebel verschwinden und einer natürlichen Patina weichen. Nun mußte die Stadt auch noch von innen aufblühen. Wenn die Werft einen Eisbrecher nach dem anderen für das russische Eismeer bauen könnte, wäre viel geholfen. Die Werft und das große Spanplattenwerk, das bei der Abfahrt vom Hafen die Stadtsilhouette beherrschte und nur langsam kleiner wurde, sollten sechs Tage in der Woche ein Segen sein für die Bevölkerung der Stadt, und am siebten Tage dann müßten alle Glocken läuten von den großen Kirchtürmen Wismars, dumpf, dröhnend und salzig.

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Es ging zurück. Die Wellen waren kabbelig und schaukelten das Schiff gehörig. Von den fernen Uferlinien ragten die spitzen Dorfkirchtürme auf. Das flache Inselchen Walfisch tauchte auf und wieder unter, die Insel Poel blieb länger im Blick. Wie ein Styroporkügelchen leuchtete der Natobeobachtungspunkt sehr weit weg in der Sonne. Sandstrände, Dünen, Ufergebüsche, Leuchttürme zogen vorbei. Windräder markierten das Ende der Naturschutzgebiete und sichelten den meditativen Blick über Land und Meer in Stücke. Sonst aber erschien alles gut und richtig. Was hatte der ältere mecklenburger Bauer in seiner sehr breiten und behäbigen Sprechweise über die Bewahrung dieses Landstrichs gesagt? Es könnte alles so bleiben, keine Windparks, keine Hotels an der Küste, Felder bis zum Meer, Einsamkeit und Ruhe, wenn unsere Leute standhaft bleiben.