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Die verlorene Ostsee der deutschen Literatur

In den Tagebüchern des Lyrikers Oskar Loerke findet sich ein Eintrag vom 1. Dezember 1908, der Momente einer Herbstreise an die Ostsee festhält:
                       
An der See habe ich vielleicht zweihundert Bernsteinstückchen gesammelt. Unter der Leidenschaft des Sammelns kann man das Meer selbst vergessen. Nachher vergißt man das Sammeln, aber nicht Es. Harscher Wind, ein, zwei, drei, vier Meter hohe Wellen. Wunsch, sie möchten immer größer werden. Man wächst mit. Ich fror steif auf dem Steg und sah, sah. Wonne zum Aufschreien, wenn sie wie ein Wald nahe waren und anfingen umzubrechen, man dirigierte das irgendwie, man war irgendwie als Meergott in jeder herrlichen Welle vorhanden, dem ihr Aufstehen und Umschäumen zur Lust war. Graugrün marmoriert. Knüppel, Steine, Tang, Quallen, Frösche. Ich dachte: Vielleicht bin ich nur da, um diese Qualle, die sonst verdorrt wäre, in das Wasser zu werfen, sie leben zu lassen. Hüpfende rote, gelbe, weiße Segel, sie stiegen quer an gegen die blaue Flut. Möwen breit, weiß, spielend. Bei Sturm immer wilder. Die Molenköpfe mit hellgrünen Zöpfen behangen. Die Ziselierung des Ufersandes. Die Holzgrenze. - Rauschen. Warnicken. Mit der Eisenbahn nach Neukuhren. /.../ Rauschen, um winters mit einer lieben Frau aus der Welt zu fliehen.1
 
Diese Passage kann gelesen werden als ein Schlüssel zu Loerkes Lyrik: die Seele ist eins mit den Dingen in der panischen Feier des Augenblicks, zugleich öffnet sich hinter den Dingen etwas Rätselhaftes, Dämonisches. Das Zufällige wird zu einer mythischen Figur. Der westpreußische Bauernsohn macht seine tiefste Erfahrung in der Natur, in den „im Wort festgehaltenen Offenbarungen an den Dingen”, daher begründet sich sein Urteil: „Viele geredete und geschriebene Sätze haben keine Farben, kein Licht und kein Spiel des Lichts an sich, und doch begegnet uns kein Ding in der Natur, das nicht von der Sonne getroffen wäre”2.
Angesichts der zeitlosen Gültigkeit dieser Aussage möchte man nur zustimmen, zugleich aber erfaßt mich bei den Ortsnamen so etwas wie Nostalgie. Wie fern diese Orte geworden sind: inzwischen ist uns das Land der Samen näher gerückt als das Samland!
Dieser Teil der früher deutschen Ostseeküste scheint von der deutschen Kultur auf immer abgeschnitten. So ist die Ostsee im deutschen Kulturbewußtsein heute entleert zu einer Landschaft des Freizeitvergnügens und gleichermaßen des kulturellen Verlusts, eines Verlusts vor allem von Unbeschwertheit des einstigen Badelebens an den Stränden zwischen Heiligendamm und Nidden.
Der in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts vollzogene radikale Bruch in der deutschen Geschichte schließt für den Ostseeraum die unvermeidliche Assoziation der Flucht von Millionen Menschen und des Untergangs ganzer Schiffsladungen, ganzer Kulturlandschaften des „deutschen Ostens” ein.
Der „deutsche Osten”, jene Entsprechung zur polnischen „kresy”, ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren und hinterließ im öffentlichen Bewußtsein eine erhebliche Lücke, die aber weitgehend von Tabus besetzt und so befriedet wurde in einer geistigen „pax romana”.
Die Stimmung des Ost-West-Konflikts karikiert Arno Schmidts Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas von 1959 in einem der Kommentare zu dem, was in der Nachkriegszeit plötzlich als ostdeutsch galt, bzw. im Rundfunk, dem NWDR, als kommunistisch besetzt und damit abgespalten hingestellt wurde: „(Überlegene westliche Kultur??: Nanu!!: Wo hat sich Goethe denn schließlich niedergelassen: in der Bundesrepublik, oder in der DDR he?! Von wo nach wo floh Schiller? Und Kant hats in Kaliningrad so gut gefallen, daß er sein ganzes Leben nicht rausgekommen iss!)”3. So färbte in den 50er Jahren die durch den Eisernen Vorhang geprägte Sichtweise retrospektiv auch die Vergangenheit und spaltete sie im westlichen Bewußtsein ab. (Umgekehrt galt dies auch im Ostblock: als Lars Gustafsson bei einem Poesiefestival in Belgrad in den 70er Jahren sein Gedicht Die Brücken von Königsberg vortragen wollte, bestanden die Veranstalter darauf, daß er den Titel abänderte in: Die Brücken von Kaliningrad. Er verzichtete daraufhin auf den Vortrag.)  
Meine Nachkriegskindheit im westlichen Deutschland wimmelte von Margarinebildchen der Serie „Das schöne Deutschland”, einer Fortsetzung der „Blauen Bücher”, die von 1915 bis weit über die Nazizeit hinaus Massenauflagen erzielten, in denen „Die schöne Heimat. Bilder aus Deutschland” dargestellt wurden. Noch 1952 heißt es dort etwa zur Marienburg, daß 1230 der Deutsche Ritterorden dort seinen Kampf begann, „durch den das Ordensland deutscher Kultur gewonnen wurde”.
So sehr sich hier das geistige Leben Deutschlands manifestiert, steht doch auch die Naturlandschaft unter einem politischen Vorzeichen. Die Bilder der Serie „Das schöne Deutschland”, herausgegeben von den Margarinewerken Fritz Homann in Dissen (Teutoburger Wald), ordnen die stilisierten Aufnahmen dem Begriff der „Deutschen Landschaften” unter. Was aber ist eine „Deutsche Landschaft”? Und seit wann wird sie also solche bezeichnet? Ähnlich wie im Falle des Waldes von Fontainebleau, der aus einem Nichts, „un néant”, in eine „terre française” (Théophile Gautier) geworden war, dürfte die Verwandlung dem Nationalismus um die Mitte des 19. Jahrhunderts geschuldet sein. Nationalismus ist definiert worden als Kongruenz zwischen Volk, Nation und Staat, erreicht werden soll sie im Rahmen eines spezifischen, der Nation „eigenen” Territoriums. (Im Mittelalter gab es noch diese nicht-eigenen Territorien, Grenzmarken, die vor allem im Zuge der Ostkolonisation eingestaatlicht wurden: die Mark Brandenburg oder die Wildnis in Ostpreußen.)
Für das deutsche Volk ist dieser Prozeß sehr viel schwieriger verlaufen als für andere Nationen, etwa als 1848 die Entscheidung zwischen Groß- und Kleindeutschland fallen mußte. Ohnehin blieben viele „deutsche” Gebiete von sog. Volksdeutschen außerhalb von Deutschland. Hinzu kam die Abtrennung von Gebieten, die mit einer deutschen oder den Deutschen assimilierten Bevölkerung besetzt waren, etwa den Kuren im Memelland, den Litauern in Preußisch-Litauen oder den Masuren im südlichen Ostpreußen. Homogenität aber erleichterte die politische Kontrolle über die „eigenen” Territorien. (Allerdings: der Blick des Malers, des Künstlers setzt die Landschaft wieder frei, macht die Definition als Staatsland ungültig, dies sieht man an den expressionistischen Bildern eines Max Pechstein oder Lyonel Feininger).
Bild 1 der Serie 1 „Deutsche Landschaften” zeigt jedenfalls die (stilisierte) Kurische Nehrung, die auf der Rückseite mit folgenden Worten eingeführt wird:
          
Eine landschaftliche Eigentümlichkeit der Ostsee-Küste ist die Bildung von flachen Stränden, Haffs genannt. Sie sind durch einen schmalen Landrücken, die Nehrung, gegen das offene Meer fast vollständig abgeschlossen. Die Kurische Nehrung ist ein solcher schmaler Landstreifen; sie besteht durchweg aus Wanderdünen, deren Festlegung eine ständige Sorge der geringen Bevölkerung ist.
 
Gleichzeitig mit diesem werbewirksamen Wachhalten der Gefühle für „Deutsche Landschaften” auch im Osten von Oder und Neiße vollzieht sich rasch eine Abspaltung des Mitleids mit den Vertriebenen, jeglicher Verlustgefühle. Die eigene Haut zu retten, heißt im zerstörten Nachkriegsdeutschland, aus der Niederlage und völligen Erniedrigung die Stärke eines ganz auf Zukunft gerichteten Neuanfangs zu machen; so auch wird verständlich, weshalb so viele Deutsche im nachhinein darauf pochen, die Stunde der Niederlage als Stunde der Befreiung erlebt zu haben (nur unter Flüchtlingen aus dem Osten findet sich eher das Eingeständnis des Zerbrechens einer Welt, deren Verlust man noch lange nicht wahrhaben wollte, woraus sich wiederum die Wahlerfolge des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten in der Bundesrepublik der frühen 50er Jahre speisten). So wurden die Flüchtlinge stellvertretend zu Verlierern für alle. Ihrer Integration liegt zugrunde, daß sie zu verschwinden hatten, genau wie die Landschaften des Ostens, aus denen sie kamen, Polen und Rußland zugeschlagen und geistig tabuisiert wurden.
W.G. Sebald konstatiert dementsprechend einen „perfekt funktionierenden Mechanismus der Verdrängung”, der es der bundesrepublikanischen Gesellschaft erlaubt habe, „ihre eigene Entstehung aus der absoluten Degradation zwar faktisch anzuerkennen, zugleich aber aus ihrem Gefühlshaushalt völlig auszuschalten, wenn nicht gar zu einem weiteren Ruhmesblatt im Register dessen zu machen, was man erfolgreich und ohne ein Anzeichen innerer Schwäche alles überstanden hat.”4
So ergab sich die typische Segregation zwischen von ihrem Verlust wie von einer unheilbaren Krankheit gezeichneten Vertriebenen, die ihre Pestbeulen auf ihren Heimattreffen und in ihren Landsmannschaftsverbänden pflegten, und den westdeutschen „verlustfreien” Ruinendeutschen, die nur auf Wiederaufbau aus waren.
In der sowjetisch besetzten Zone schließlich mischten sich beide Haltungen, bis die zu Umsiedlern erklärten Flüchtlinge nach Gründung der DDR dem Berührungstabu anheimfielen und die Grenze zu Polen in eine Friedensgrenze umgemodelt wurde, an deren westlichem Ufer sich viele der Ostdeutschen hoffnungslos festbissen.
Die in Westdeutschland angesiedelten Pommern, Schlesier, Ost- und Westpreußen hatten mitgenommen, was ihnen gehörte und sie heil durch die Fronten bringen konnten, was vierzig und mehr Jahre später zu abstrusen und vertrackten Fragen nach dem kulturellen Erbe führen sollte: gehörten die Kirchenglocken oder Museumsbestände den Bewohnern oder den verbliebenen Orten?
Sind die Landschaften, auch die Kulturlandschaften, aber unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit zu sehen? Sind sie demnach gar nicht deutsch / polnisch / russisch / litauisch etc.? So wie es Herder in seinem Journal meiner Reise im Jahr 1769 ausdrückte: „Es ist kein Unterschied, ob das jetzt das kurische, preußische, pommersche, dänische, schwedische, norwegische, holländische, englische, französische Meer ist; wie unsre Schiffahrt geht, ist’s nur überall Meer.”
Etwa in dem Sinne, in dem es ein Schotte, Neal Ascherson, für das Schwarze Meer beschrieb:
 
Diese Lande gehören allen ihren Völkern, aber auch keinem von ihnen. Wie die Endmoräne eines Gletschers ist die Schwarzmeerküste ein Ort, wo über mehr als viertausend Jahre der Schutt menschlicher Wanderungen und Invasionen abgelagert wurde. Die Küste, erschöpft und still, spricht von der Geduld von Stein, Sand und Wasser, die viel menschliche Ruhelosigkeit erlebt und überlebt haben. Dies ist eine Stimme, die viele Autoren vernommen haben -5
 
Dagegen spricht im Fall der Literatur, daß die gegenseitige Kenntnis der anderen Beiträge zu einer Ostseeliteratur, zumal nach fünfzig Jahren der Abschließung voreinander, als minimal zu betrachten sind. Es gibt, verkürzt gesprochen, nur deutsche, polnische, russische, litauische, lettische, estnische, finnische, schwedische, dänische Ostseeliteratur, und kaum allseits bekannte Grenzgänger wie Immanuel Kant und Herder, Katharina die Große und Dostojewskij, Sören Kierkegaard und Strindberg.
Schon bei in ihrer nationalsprachlichen Kultur so überaus bedeutsamen Erscheinungen wie der kosmopolitischen, aus Petersburg gebürtigen Finnlandschwedin Edith Södergran oder dem bedeutendsten Ostseedichter der deutschen Nachkriegszeit Johannes Bobrowski dürfte eine allseitige Bekanntheit nicht unbedingt vorauszusetzen sein.
Greift man historisch weiter aus, zeigt sich aber auch die Brüchigkeit der nationalstaatlichen Begrifflichkeit. Folgt man Thomas Mann, so gliedert sich die deutsche Ostseeküste zumindest in einen preußischen und einen nicht-preußischen Teil. Die Buddenbrooks in ihrer Lübecker reichsfreien Patrizierherrlichkeit sind definitiv in einem nicht-preußischen Milieu angesiedelt. Das Kindermädchen Ida Jungmann hingegen ist Preußin aus Marienwerder, sie hatte „sich als tüchtig im Hausstande und im Verkehr mit den Kindern erwiesen und eignete sich mit ihrer Loyalität und ihren preußischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste für ihre Stellung in diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen Grundsätzen, die haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen Mittelstand und geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf, als ergebene Dienerin den ersten Kreisen anzugehören”6.
Regionalistische Literaturbetrachtung aber steht im Nachkriegsdeutschland rasch im Ruch einer Nähe zur Heimatkunst mit ihrem „Düngerparfüm” mit dem Verdikt Oskar Loerkes, jener Bewegung der Jahrhundertwende um 1900, die gegen Verstädterung und Vermassung und den „Kulturbolschewismus” ländlich-heile Werte eines restaurativen Wilhelminismus setzte. Joseph Roth etwa zog einen Unterschied zwischen urbaner jüdischer und regionaler deutscher Literatur.
 
„Die Mehrzahl der deutschen Schriftsteller nichtjüdischer Herkunft beschränkte sich auf die Beschreibung der Landschaft, die ihre Heimat war. In Deutschland gibt es, in weitaus größerem Maße als in irgendeinem anderen Land, eine auf Regionen, Landschaften, Stämme verteilte ‚Heimatliteratur’, oft von hohem literarischem Wert, aber dem Europäer zwangsläufig unzugänglich.”7
 
Dabei war auch Roth anfangs ein durchaus regionalistischer, galizischer Autor.
Im Affekt der wilhelminischen Welt aber gingen Antisemitismus und Anti-Moderne der Provinz in ihrer Attacke auf die Asphaltliteratur der Großstadt Hand in Hand (ich verweise hier nur auf die literarische Kontroverse Berlin - Provinz um 1920, in der die Provinz im Gefolge des Biedermeier als Hort der prä-industriellen Idylle galt, die Großstadt als Hort der Industrialisierung, Urbanisierung, jüdischen Finanzkapitals, Verrohung der Sitten, Beschleunigung der Lebensweise). Nicht nur die Moderne in der Kunst war Zielscheibe, sondern die moderne Zivilisation insgesamt.
Beim Germanisten Josef Nadler finden wir sogar eine mythische Aufladung der deutschen Stämme und Landschaften, des Blutes als Moment der Geschichtsschreibung. Bestimmte Städte, Ströme, Berge werden zum Träger konstanter geistiger Mächte, gleichsam als personale Wesen, als handelnde Personen, aufgehoben wird damit die Individualität des dichterischen Prozesses zugunsten einer Naturmythologie des Nationalen. Zumal in der Moderne sind es aber gerade nicht der Stammesmensch und seine Landschaft, die „ineinanderweben”, vielmehr begibt sich der Künstler in der fremden, der Grenzlandschaft auf die Suche. Max Pechstein zieht 1909 aus und entdeckt Nidden erst!
Was hat sich seither geändert, gibt es heute so etwas wie eine europäische Heimatliteratur? Man könnte hier an Stefan Chwins Regionalismus-Konzept, Lars Gustafssons Västmanland oder das Västerbotten von Per Olov Enquist, Torgny Lindgren, Sara Lidman denken.
Eine im Nicolai Verlag Berlin, später bei Langen Müller in München von 1988 bis 1997 erschienene Bibliothek versuchte für die deutsche Literatur noch einmal exemplarisch aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße stammende Texte neu zu präsentieren - in dieser Deutschen Bibliothek des Ostens stehen Werke von Schriftstellern und Philosophen aus Königsberg und Prag, Breslau und Danzig, deutschsprachige Literatur von Kant bis Kafka, während zugleich der Begriff des Ostens bereits überlagert wurde vom neuen Begriff eines Ostdeutschland, das an Oder und Neiße endet.
Im Klappentext hieß es rückblickend:
 
Als 1988 die ersten Bände der ‚Deutschen Bibliothek des Ostens’ erschienen, galten sie vielen als Reisen in eine vermeintliche Terra incognita, die dem Vergessen anheimgefallen ist oder nur vom Schein wehmütiger Besinnung verklärt wird.
Inzwischen sind die politischen Realitäten andere geworden. In den seit dem Zweiten Weltkrieg sich zum Teil wieder wandelnden Grenzen sind in den alten Kulturlandschaften wieder Nachbarschaften möglich geworden. Die Aufgabe, die Vergangenheit zu finden und zu bewahren, kann unbefangener gesehen werden und die Spurensuche der ‚Deutschen Bibliothek des Ostens’ an die Zeit anknüpfen, als unabhängig von Staatsgrenzen die Werke deutscher Sprache im Osten die kulturelle Entwicklung ganz Deutschlands wesentlich bestimmten und zugleich fruchtbar auf die Nachbarn im Osten wirkten.
In jenen Landschaften, die fast alle Deutschen verlassen mußten, können sich jetzt die wenigen verbliebenen Deutschen wieder freier zu ihrer Sprache bekennen. Dringlicher ist die Aufgabe geworden, ihnen und den Deutschsprachigen anderer Völker zu beiden Seiten der Grenze in den so stark veränderten Regionen die Vergangenheit in Zeitbildern, in Beschreibungen von großer poetischer Intensität und in Werken der Literatur wieder lebendig zu machen. Die jetzt erleichterten Reisen möchte die ‚Deutsche Bibliothek des Ostens’ mit ihren Wanderungen durch die literarischen Landschaften begleiten und verdunkelte Traditionslinien der vielfältigen deutschen Kulturgeschichte im Osten wieder sichtbar machen.8
 
Heute stehen die Landschaften der Ostsee in der deutschen Literatur unter unterschiedlichen Vorzeichen: dem des Verlusts, des Refugiums (etwa die Insel Hiddensee bei Christoph Hein als Rückzug vor den Ereignissen von Prag 1968) oder der Rückständigkeit (Mecklenburg als Armenhaus der Bundesrepublik).
Der endgültige Bruch der Vertreibung führt hinsichtlich der östlichen Landschaften zur Nostalgie (in den Reisen der „Heimwehtouristen” nach Kaliningrad wie in den Betrachtungen Karl Schlögels in seiner Promenade in Jalta9): einer Nostalgie der räumlichen und zeitlichen Abtrennung und Verstümmelung oder der Kontemplation, der Meditation: Man empfindet Verlust etwa bei Betrachtung der Ruinen der Ordensburgen von Balga oder Ragnit wie bei der Kirchenruine von Eldena oder eines Bildes aus dem Geographiebuch von 1933: der auch von Lyonel Feininger gemalten Kirche von Hoff westlich von Kolberg, halb abgebrochen schon durch die Wellen der Ostsee und zusätzlich preisgegeben fremder Besatzung. Doppelter Verlust: durch Natur und Geschichte. Naturgeschichte? Und so wie der Mystiker in seiner Kontemplation das Ebenbild des verlorenen Gottes im Menschen wiederaufrichtet, so der Nostalgiker das Bild der verlorenen Landschaft und ihrer Schätze, oder das der verlorenen Kindheit. Was heißt dann: Verlebendigung, teilweise auch Rekonstruktion verlorener Lebenswelten (nicht anders als bei jüdischer Literatur auch)?  
Bei den Flüchtlingen ist dieser Verlust eingebettet in die Tradition mündlicher Erzählung. Ostpreußen überlebt als nationaler Mythos etwa in Erzählungen wie der meiner Mutter über ihre Schulreise an die Ostsee und ins Samland im Jahr 1932 (und heißt art mémoire nicht auch: aufgehoben sein in der Geschichte?):
 
Zwei Junglehrer hatten sie, den Bagusat von Stobrigkehlen und den von Broszaitschen, die hatten Kollegen, Bekannte im Samland. Einen Lastwagen organisierten sie für sich und die Schüler, der wurde beladen mit losen Sitzen. Und oben in luftiger Höhe saßen die Kinder, noch keine zehn war die Waltraud. Mit zwei Schulklassen brachen sie auf, ohne Erwachsene, nur mit ihrer älteren Schwester Elfriede sowie der Lisa Kaschewski und der Martha Poschwatta als Aufsichtspersonen, lauter Kinder, und fuhren, Stunden um Stunden, durchs hüglige Land. Die Augen gingen fast über. Durch Königsberg fuhren sie durch. Im Tiergarten sahen sie Affen, Bären, Löwen, Giraffen, vorher das Blutgericht mit den großen geschnitzten Fässern, das Weinlokal im Keller des Schlosses, und die Schloßkapelle. In Rauschen sahen sie, am Steilufer unten, zum ersten Male die See, mit Schaumkronen: ganz grün das Meer. In Turnanzügen gingen sie baden. Und kamen nicht mehr nach Hause den Tag. Am Galtgarben, hundertzehn Meter hoch, in Drugehnen übernachteten sie bei den anderen Lehrern, auf dem Heuboden, schliefen in all dem Heu, das piekste und stichelte in der Haut, auf den Augen, von allem, was sie noch zu sehen bekämen.
 
Aber die Vergangenheit ist auf Seiten der deutschen Literatur auch eingebettet in das Thema der Schuld, sei es bei Grass oder Siegfried Lenz. Mit Kierkegaard könnte man sagen: „…kann ich das Vergangene nicht bereuen, so ist die Freiheit ein Traum.” Sonst bleibt der Dichter ständig halbwach in unruhigem Traum, irregeleitet „im Labyrinth der Leiden und Schickungen”, wo er „überall sich sieht und doch nicht zu sich kommen kann”10, wie in meinem Alptraumgedicht
 
DAS PAPIER, weiß, als ob wir nicht
sterben könnten. Ich irre durch
eine Stadt die Königsberg hieß
oder Heilsberg. Das Heil
des großen Heillosen trifft dich
hinterrücks. Mit dem Eispickel
der Schächer. Vor dir die Wake
Auch du gehst nicht über die Wasser
 
Das Verhältnis zur Ostsee kann wieder unbefangen werden wie in Gottfried Benns frühem Gedicht D-Zug, das zu den Nachbarn aber kann frei und unbefangen erst wieder werden, wenn mehrere Generationen die Verschuldungen abgetragen haben werden, sich der „Alpdruck der Geschichte”, von dem Walter Muschg 1956 sprach, gelockert haben wird.
Die Ostsee, schreibt die Freundin des alternden Benn Ursula Ziebarth, „die Benn so vertraut war wie allen Berlinern, da fuhr man fix übers Wochenende hin und kam zurück ‚bis in den Mund gebräunt vom Meer’.”11.
Ein neuer unbeschwerter Umgang mit der jetzt zu Polen gehörenden Ostseeküste beginnt sich allerdings in der jungen deutschen Prosa abzuzeichnen: etwa im Roman von Malin Schwerdtfeger über das Café Saratoga in Hela.
Ihr Roman ist auch Ausdruck einer neuen Unbefangenheit, der Tatsache, daß man über die Ostseestrände wieder schreiben kann, obwohl es nicht mehr deutsche Strände sind. Zu Beginn ist die Ostsee Subjekt, die Perspektive ist kaschubisch, sie richtet sich von der Ferne her auf das neue Land. So beginnt der Roman:
 
Jeden Tag im Café Saratoga erklärte uns unser Vater die zwei Deutschlands. Er erklärte sie uns, wie er den Tod erklärte und die nächstbeste Dimension: Nur durch das eine war das andere zu erreichen, das andere aber war gut. Sein Name war Bundes.12
 
Daß sich hier an der Ostsee aus „Bundes”-Sicht das Ende der Welt befindet, geht aus der ersten Einführung des Schauplatzes hervor (und bestätigt nur die Einschätzung der Nachkriegs-Ostsee in der deutschen Literatur als ein Stück Unkultur, die Hinterbliebenschaft der Vertreibung):
 
Die Halbinsel Hel ragt wie ein magerer Finger in die Danziger Bucht. Sie trennt das Große vom Kleinen Meer und wird deshalb auch Zwischendenmeeren genannt. Nachdem Tata das Café übernommen hatte, fuhren wir jeden Sommer mit dem Zug von Gdingen dorthin, wo das Zwischendenmeeren so schmal ist, daß es unter den Winterstürmen brechen kann, wie zuletzt dreißig Jahre zuvor, als sich die Wellen des Großen und des Kleinen Meeres an einigen Stellen über Hel verzahnt hatten wie zwei Kämme. /.../ Der Bahnhof war nichts als eine überwucherte Rampe an den Gleisen, ohne Schranke, ohne Uhr. Das war der Bahnhof von Chałupy. Es gab dort nicht einmal eine Toilette.13
 
Allein schon der Name signalisiert, daß der Westen allemal einen anderen Klang von Freiheit hat als der polnische Osten: so wird aus dem Café „Zatoka” (Bucht), wie es früher hieß, das westlich anmutende „Café Saratoga”, „die Lallform von Zatoka nach vielen Flaschen Bier” (S. 45). Das Polnische ist der Welt des geliebten „Tata” vorbehalten, der Sommererotik mit den „Delfinen”, den ständig wechselnden Kellnerinnen in diesem halbwegs unschuldigen Puff, den der Vater betreibt. Mit den polnischen Bezeichnungen wird alles Sexuelle in dieser zarten Pubertätserzählung umspielt: „Wszystkie rybki mają cipki”.
Die Aussiedlermädchen verlieren ihr Hel, aber unsentimental konstatiert die eine von beiden: „Hel ist ein Haufen Sand, ein Land /.../ Man kann kein Land verlieren, das bleibt doch, wo es ist, Betonkopf! Ich habe meinen Mann verloren.” Später, von Bundes aus, kehren die Erinnerungen oft zurück: „ich dachte an Hel, wie es in meiner Erinnerung erstarrt war.” (S. 276), weil das Leben ein Parallel-Leben geworden ist, stets die Spur verlorenen Lebens trägt: „Majka, die beschlossen hatte, nicht mehr zu lieben, weil sie wie ein Zug aus dem Gleis gesprungen war und nun auf ewig neben dem Leben herfahren mußte. Genau wie sich zwei Parallelen erst in der Unendlichkeit trafen, gab es in diesem Leben keine Möglichkeit, auf das Gleis zurückzufinden” (S. 223). Anders als den freiwilligen Aussiedlern erging es auch den am Ende des Zweiten Weltkriegs Vertriebenen nicht.
Malin Schwerdtfegers Roman ist ein gleichermaßen schönes wie aktuelles Beispiel dafür, wie die Geschichte einer Aussiedlerin poetisch die Gegensätze zwischen dem Polnischen und dem Deutschen aufhebt. Die Sehnsucht zielt zurück nach Hel, obwohl die ganze Bewegung des Buches nach Bundes zielt. Eine Entdeckungsreise mit verkehrter Perspektive, vom Rand der Welt in das gleißende Zentrum. Die Sprengung nationaler, provinzieller Beschränktheit führt zu einem episodischen Gespinst von kaschubischen Märchen, polnischer Sommererotik, immer leicht schmuddelig, und deutschen Kriegsreminiszenzen.
Beim Aufbruch von Hel geht der Blick zurück auf den kleinen Jungen, der in einem Dorf in einem Garten hockte und „in Eingeweiden spielte”. „Wir fuhren davon, und der kleine Junge mit seinem Gedärm, seiner Wäsche und seinem Dreck blieb zurück, er blieb allein zurück mit seinen schmutzigen Spielen, am Rand der Welt.” (S. 132). Aber in der verlebendigten Erinnerung ist der „Rand der Welt” wieder der „Mittelpunkt der Welt” (S. 283).
Mit den Worten der schwedischen Historiker Kristian Gerner und Klas-Göran Karlsson über die Entwicklung der Moderne in der Ostsee lautet die Schlußfolgerung: „Die moderne Geschichte enthält folglich reichlich Beispiele dafür, daß es übernationalen Gemeinschaften wie der Ostseeregion schwer fiel, sich in der Konkurrenz mit dem Nationalstaat zu behaupten. /…/ Das Geschichtsbewußtsein in den Ländern des Ostseeraums war national und umfaßte nicht die Vorstellung einer übergreifenden regionalen historischen Gemeinschaft.”14. So hatte jeder seine eigene Ostsee, und die der Deutschen ist um vieles geringer geworden, sie hat Hela, wo vom Schlachtschiff „Schleswig-Holstein” aus der Zweite Weltkrieg begann, und nicht nur Hela hinter sich gelassen.


1 Oskar Loerke, Tagebücher 1903-1939. Hg. Hermann Kasack. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Heidelberg/Darmstadt 2. Aufl. 1956, S. 47

2 Äußerung Loerkes aus dem Jahr 1905, zit. nach Walter Muschg, Die Zerstörung der deutschen Literatur. Bern 3. Aufl. 1958, S. 59

3 Arno Schmidt, Seelandschaft mit Pocahontas. Stuttgart 1988 (1959), p. 12

4 W.G. Sebald, Luftkrieg und Literatur. München / Wien 1999, p. 20

5 Neal Ascherson, Schwarzes Meer. Frankfurt/Main 1998, S. 22f,

6 Thomas Mann, Buddenbrooks. Frankfurt/Main 1979, S. 10

7 Michael Bienert, Joseph Roth in Berlin, Köln 1996, S. 254f.

8 Aus dem Klappentext zu: Adolph von Menzel, Reiseskizzen aus Preußen, München 1997

9 „Der Bogen, der über das Frische und Kurische Haff hinweg von Stettin bis Memel gespannt war, ist aus Gründen, die jeder kennt, zerbrochen.” Schlögel, Promenade in Jalta. München/Wien 2001, S. 231. Vgl. auch Karin Johannisson, Nostalgi. En känslas historia. Stockholm 2001, S. 146: „Die Nostalgie, ebenso wie unser gesamtes Verhältnis zur Vergangenheit, ist eine Erinnerungsarbeit, ein Prozeß, in dem die Vergangenheit in einem subtilen Spiel zwischen Einst, eigenen Erfahrungen und den kulturellen Kodes der Gegenwart Sinn erhält.”

10 Sören Kierkegaard, Entweder - Oder II, München 2. Aufl. 1993, S. 802

11 Hernach. Gottfried Benns Briefe an Ursula Ziebarth, Göttingen 2. Aufl. 2001, S. 402

12 Malin Schwerdtfeger, Café Saratoga, Köln 2001, S. 9

13 Malin Schwerdtfeger, Café Saratoga, Köln 2001, S. 23

14 Gerner / Karlsson, Nordens medelhav, Stockholm 2002, S. 177, 310