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Bornholm im Werk von Hans Henny Jahnn

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    Reinhard Reichstein
Der Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn (1894 - 1959) lebte von 1934 bis nach dem Zweiten Weltkrieg als Besitzer eines Bauernhofes auf der Insel Bornholm. Erst 1950 konnte er endgültig in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehren. In einem Bericht an die dänischen Behörden schrieb er im März 1946:
"In diesen bewegten und angstvollen Jahren habe ich mein mehrere tausend Seiten umfassendes Werk 'Fluß ohne Ufer' schreiben können (...) Wenn ich auch keine besondere Form des Dankes dafür gefunden habe, daß ich in Dänemark zu den Überlebenden der Katastrophe zählen kann, die ich mit soviel Nachdruck vorausgesagt habe, so wird die ausgebreitete Landschaftsschilderung in meinem Werk davon zeugen, wie sehr ich meine engere Wahlheimat Bornholm geliebt habe."[1]
Jahnns Hauptwerk, der Roman "Fluß ohne Ufer", ist eines der radikalsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen einer Konferenz über die Literatur und Kunst des Ostseeraumes stellt sich die Frage, ob dieses bedeutende Werk durch den Ort oder gar die Region, in der es entstand, entscheidend bestimmt worden ist. Hätte der "Fluß ohne Ufer" auch woanders geschrieben werden können? Die Frage ist müßig, außerhalb der Naturwissenschaften gibt es keine wiederholbaren Versuchsanordnungen. Es ist jedoch frappierend, wie Jahnn in den verschiedensten Werken die gleichen Grundsituationen, Wunsch- und Angstvorstellungen behandelt. An der Art und Weise, wie er in dem ungleich umfangreicheren Roman die ihn existentiell beschäftigenden Themen entwickelte, zeigt sich, daß daran nicht nur die Zeit, sondern auch der Ort mitgewirkt hat.
 
Nach einer Durchsuchung seines Hauses in Hamburg Mitte März 1933 war Jahnn im April nach Kopenhagen und weiter, auf Einladung von Karin Michaelis, nach Thurö geflohen, wo er bis zum Eintreffen Brechts Ende Mai blieb. Da er sich inzwischen kaum noch bedroht fühlte und aus persönlichen und wirtschaftlichen Gründen in Deutschland bleiben wollte, kehrte er Anfang Juni nach Hamburg zurück. Seine Frau Ellinor jedoch hatte jüdische Verwandte und drängte daher auf eine Ausreise. Anfang Juli besuchte Jahnn zum erstenmal Bornholm, um Photos für einen geplanten Aufsatz über germanische Rundbauten in Dänemark zu machen. Schon damals wird er Bornholm auch unter dem Blickwinkel eines möglichen Fluchtortes betrachtet haben. Als der Versuch, bei seinem Freund und Förderer Walter Muschg in der Schweiz Fuß zu fassen scheiterte, kam ihm der Gedanke, Hofbesitzer auf der abseits gelegenen Insel Bornholm zu werden. Von Dänemark aus erhoffte er sich zudem Orgelaufträge in Skandinavien. Ende Januar 1934 kam er erneut nach Bornholm und fand einen Hof bei Rutsker im Nordwesten der Insel, den er dann mit den Mitteln von Sibylle Harms, der Schwester seiner Frau Ellinor und Witwe seines 1931 verstorbenen Freundes Gottlieb Friedrich (genannt "Friedel") Harms, erwarb. Im Mai 1934 zog die gesamte Familie nach Bornholm um.[2]
Der Aufsatz über germanische Rundbauten kam nicht zustande. Die Vorarbeiten dazu sind jedoch in den 1941 veröffentlichten Zeitschriftenartikel "Die Insel Bornholm" eingegangen.[3] Jahnn beschreibt Bornholm als eine in den ältesten Kirchenbauten und den sagenhaften Erzählungen noch erkennbare heidnische Insel, die durch das Christentum und durch technische Neuerungen überformt wurde. Er selbst sah sich in einer Reihe mit Barlach als einen nordischen bzw. germanischen Künstler. Jahnn war sich bewußt, mit seinem 1929 erschienenen Roman "Perrudja" und dem Ende 1933 vollendeten Drama "Armut, Reichtum, Mensch und Tier", die beide in den Bergen Norwegens spielen, nordische, also von den Nationalsozialisten gewünschte Themen zu behandeln. Von deren neuheidnischen Kulturanmaßungen distanzierte er sich jedoch und beklagte in einem privaten Brief vom Dezember 1933 einen "Schutthaufen unrichtiger Literatur".[4]
Ein zweiter Aspekt in dem genannten Artikel ist die Schilderung der Landschaft und des Meeres als einer "zweiten Landschaft". Bornholm ist ein dem Menschen freundlicherer, vom Festland abgetrennter oder vielleicht auch aus dem Meer aufgestiegener Teil Skandinaviens. Jahnn und sein Jugendfreund Harms hatten als Kriegsflüchtlinge während des Ersten Weltkrieges am Sogne-Fjord die schroffen Granit- und Eiswelten Norwegens kennengelernt. Wie Jahnn dort die ungeheuren Granitmassen unmittelbar berührten, so ist es auf Bornholm die Gegenwart des Meeres:
 
"Das Meer prägt die Insel. Es ist die zweite Landschaft. Es liegt tief unter den Hügeln. Alle Straßen die zur Küste führen, münden in den unbeschreiblichen Anblick, daß eine blaue, graue, spiegelnde oder stumpfe, verhangene oder windgepeitschte Wasserfläche wie in einem ungeheuren Tal sich unter einem ausbreitet.
Es gibt Stürme. Sie brechen sich an den Klippen, sammeln sich in den muldigen Tälern, jagen auf die Anhöhen und beginnen ihren wechselvollen Gesang. Auf dem Hof, den ich bewohne, der etwa auf der Höhe 100 erbaut ist, liege ich des Nachts manche Stunden wachend, horche auf das Geschrei und Gepolter, auf die Stimmen der Finsternis, die keine Zivilisation austilgen wird, auf diese Zeugen der Schöpfung. Das Donnern der Wasser höre ich nicht. Aber ich weiß, wenige Kilometer hinaus gischtet die Brandung und zahnt sich an den Millionen Zacken der Felsen." (WT 7, S. 370)
 
Dieses Gefühl der Geborgenheit am Rande der Menschenwelt, das die Inspiration freisetzt, dieses sehnsuchtvolle Glück eines sicheren Ausgeliefertsein an elementare Kräfte taucht bereits in einer der frühesten schriftlichen Zeugnisse Jahnns, einem Tagebucheintrag vom 1. September 1912 auf:
 
"Draußen stürmt es, und die Blätter werden von den Bäumen gerissen, daß sie kahl dastehen, und alles so trostlos ausschaut.
Ich denke an Gottlieb. - Es läßt sich so schön träumen, wenn draußen der Sturm heult, daß das Haus zittert, und das Zimmer doch so behaglich warm ist. - Ich mein, mir müßte doch noch das Glück kommen, weil es draußen eine so unbändige Kraft gibt." (WT 7, S. 455)
 
Das Gefühl, in einer eher kargen und, obwohl flachen, durch das Wirken des Meeres dennoch heroischen Landschaft Schutz zu finden vor der in Deutschland triumphierenden Rohheit und auch vor den privaten Lebensproblemen, hatte sich für Jahnn von Anfang an mit seiner neuen Heimat Bornholm verbunden. In einem Brief vom 24. November 1934 schreibt er:
 
"Seit Tagen wieder habe ich einen Spaziergang gemacht, um mich zu beruhigen. Nebel verhüllte die Landschaft. Allmählich löste sich Regen daraus. Ich ging wie im Traum. Ich kenne diesen Zustand aus der Norweger Zeit. Es ist eigentlich das einzige Glücksgefühl, das ich kenne, in das Unwirkliche, in das Unmögliche unterzutauchen. Ich nehme keinerlei Beziehung zur Landschaft auf. Sie bleibt etwas Fremdes, und doch ist sie das Mittel, durch das meine Vorstellungen geweckt werden. Es ist eigentlich etwas ganz Unnatürliches, Erschöpfendes, seine bewußten Gedanken auf etwas zu konzentrieren, das in keiner Umsetzung Wirklichkeit werden kann. Eine krankhafte Zuflucht, die mich davon entbindet, etwas zu schaffen, weil sie mich ähnlich erschöpft wie das Schreiben. Aber es ist ein unmittelbares Glücksgefühl, das nur allmählich dem Katzenjammer weicht."[5]
 
Zur gleichen Zeit begann er ein zur Veröffentlichung bestimmtes Tagebuch[6] zu schreiben, das wie auch das Prosastück "Drusch im Spätherbst"[7] von 1937 und das 1940 geschriebene Fragment zu einer "Landschaftsnovelle": "Der fremde Züchter"[8] landwirtschaftliche Themen behandelt, unter anderem seine Versuche mit Geschlechtshormonen.
Jahnn war als Auslandsdeutscher immer bestrebt, nicht als Emigrant aus Nazi-Deutschland zu gelten. Er begrüßte den Kampf der Nazis gegen das Christentum, und seine Zivilisations- und Kapitalismuskritik hatte auch immer etwas Kleinbürgerlich-Antisemitisches. Die Hinwendung des großstädtischen Schriftstellers zum Landleben bedarf jedoch der Erklärung.
Jahnn ist hier ein Kind des 19. Jahrhunderts, in dem das protestantische, nördliche Deutschland - nach Vorarbeiten von Klopstock, Herder, Kosegarten und Arndt - seine nordische Herkunft entdeckte. Die Begeisterung für Ibsen und die Nordlandfahrten der Jugendbewegung mögen die gegen die romanischen Länder gerichtete Tendenz belegen, in den unverbrauchten nordischen Landleuten die eigenen Vorfahren zu erkennen. Als Schüler träumte Jahnn von Reisen nach Island.[9] Als er sich seiner homosexuellen Neigung bewußt geworden war und im Jahre 1913 mit seinem Freund Friedel Harms der christlich-bürgerlichen Enge des Elternhauses entkommen wollte, sollte das Ziel ebenfalls Island sein. Der Fluchtort für beide wurde schließlich im Frühjahr 1915, nun zusätzlich als Flucht vor der Einberufung, eine abgelegene Gegend am Sogne-Fjord in Norwegen: Aurland. Daß Jahnn und Harms inmitten all der kriegsbegeisterten Massen pazifistisch waren, nicht eigentlich aus politischen Gründen, sondern weil sie nicht auf junge Männer schießen wollten, ist ihr bleibender Ruhm.
Nach dem Weltkrieg verschärfte sich der Gegensatz zwischen Technikbegeisterung und agrarisch-reaktionären Vorstellungen. Die Popularität Knut Hamsuns sei hier stellvertretend für eine starke europäische Sehnsucht nach dem einfachen, überschaubaren Leben genannt, die sich nach den Wirtschaftskrisen Ende der Zwanziger Jahre in Gestalt einer faschistisch-reaktionären Bewegung in den meisten europäischen Ländern durchsetzte. Vor 1933 hatte Jahnn in öffentlichen Reden und in privaten Äußerungen gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen. Als Pazifist verabscheute er die Brutalität der Nazis und fühlte sich dadurch persönlich bedroht. Aber er war auch durch das Scheitern seiner künstlerischen Ambitionen von der Großstadt enttäuscht. Sein weltanschauliches Lavieren gegenüber dem Regime bestätigt die in Deutschland von Caspar David Friedrich und Eichendorff bis zu Barlach und Gerhart Hauptmann so starke Tradition des Rückzugs aus der Zivilisation und der Hoffnung auf eine noch intakt gebliebene bäuerliche Welt als die Grundform des menschlichen Lebens. Seine Flucht aus Deutschland sollte auch einen Neuanfang auf einer krisensichereren Lebensgrundlage ermöglichen.[10] Was Jahnn dabei von der Blut-und-Boden-Ideologie unterschied, war außer der Ablehnung der Rassenreinheit sein geradezu haptischer Erkenntnistrieb. Wie die oben angeführten Schriften belegen, wollte er die Lebensweise der Tiere ertasten, er sog ihre Ausdünstungen und den Geruch der Pflanzen in sich ein und versuchte sich der Landschaft anzuschmiegen. Seine Empathie mit den Tieren, besonders seine Liebe zu Pferden, entsetzte sich über die Rohheit der Landleute, die für ihn kein menschliches Ideal abgeben konnten.[11]
Die mit dem Umzug mach Bornholm verbundenen wirtschaftlichen Hoffnungen erfüllten sich nicht. Paßschwierigkeiten mit den Behörden und das Mißtrauen der Inselbewohner gegenüber dem womöglichen deutschen Spion kamen hinzu. Jahnns Existenzangst steigerte sich bis zur panischen Unruhe. Im "Bornholmer Tagebuch" sieht er den Menschen in ein düsteres Verhängnis eingespannt:
"Er erwacht jeden Morgen aufs neue und läßt sich zerschleißen. Er rudert gegen einen Strom und läßt es nicht, wiewohl er erkennt, daß er trotz heftiger Mühe ins Unbekannte, in ein Meer ohne Anteilnahme abgetrieben wird. Mir scheint, das tragische Leben der Tiere ist nicht weiter ab vom Glück als das unsere."[12]
Erst jetzt, erst nach der Verdüsterung des allgemeinen Horizonts und erst mit dem Zerfallen aller Hoffnungen seiner bürgerlichen Existenz, hat sich Jahnn eine eherne und umfassende Vorstellung von der Schöpfung als Vernichtungsprozeß gebildet. Sein "Fluß ohne Ufer" ist die Darstellung dieser unerbittlich über die Lebewesen hinwegrollenden Schöpfung und formuliert zugleich in dem Erinnern der momentanen Erfüllungen und in dem Gedächtnis des "Wollens und Fühlens" den Widerstand des Dichters gegen dieses Verhängnis.
Der Roman ist die Fortsetzung der zwischen 1935 und 1936 geschriebenen allegorisierenden Novelle "Das Holzschiff" und sollte die darin offenbleibenden Rätsel lüften. In der Novelle herrscht eine bedrückende, bürokratische Zwangslage und kollektive Gewaltbereitschaft. Jahnns Aufenthalt auf Bornholm hat darin nur in Spuren Eingang gefunden.
Anfang 1937 begann Jahnn mit der "Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war", so der Titel des Hauptstückes des nunmehrigen Romanprojektes "Fluß ohne Ufer". Der Erzähler blickt auf die Geschehnisse des "Holzschiffes" zurück. Er erzählt die sich von dort herleitende schicksalhafte Freundschaft mit dem Matrosen Alfred Tutein, dem Mörder seiner Verlobten Ellena, und notiert vorgreifend, wie sich sein eigenes Verhängnis aus innerem Verfall und äußerer Bedrohung vollzieht. In vager Analogie zur Form des "Bornholmer Tagebuches" gliedert sich die Erzählzeit in dreizehn, mit den Monatsnamen von "November" bis "November, abermals" überschriebenen Kapiteln und nimmt die Bornholmer Gegenwart des Autors auf.
Vor allem ist die "Niederschrift" ein Epitaph auf die Freundschaft des Erzählers zu dem toten Alfred Tutein, besungen durch die großartige Aufnahme der Klage über den toten Enkidu aus dem Gilgamesch-Epos. Der Roman ist Jahnns Verteidigung seiner Homosexualität auf der Grundlage einer umfassenden Revision des christlich-jüdischen Welt- und Gottesverständnisses. Der Komponist Horn notiert im letzten Kapitel über die persönliche Veranlassung zu seinen Schöpfungen:
 
"Der Anlaß zu meinem expansiven und (vielleicht darf ich es sagen) tieferen Werken ist mein persönliches Leben. Meine Angst, meine Trauer, meine Verlassenheit, meine Gesundheit, die Störungen in mir und die Zeiten des Gleichgewichts, die Art meiner Sinne und meiner Liebe, meine Besessenheit in ihr, haben auch meine musikalischen Gedanken und Empfindungen gestaltet. Kunst wächst auf dem Felde des Eros; darum einzig haftet ihr die Schönheit an." (WT 3, S. 503)
 
Jahnn erzählt, wie seine Protagonisten sich der mit den Werturteilen von Gut und Böse exekutierten Leibfeindschaft bewußt werden. Das sinnlich-konkrete Fühlen und Wollen, das reale Erleben in der Zeit, wird deutlich gemacht durch die Einbettung in und die emotionale und physische Rückwirkung des jahreszeitlichen Ablaufs von Werden und Vergehen. Es lag nahe, daß Jahnn hier seinen Erzähler die Lebensumstände und örtlich-klimatischen Gegebenheiten der Insel Bornholm schildern läßt, die in der Fiktion jedoch eine nördlicher gelegene, Fastaholm genannte åländische Insel sein soll.
Die Weltreisenden Horn und Tutein hatten einige Jahre als Fremde in der Bergwelt Norwegens, in Urrland (Aurland) am Sogne-Fjord, gelebt, später dann unter Freunden in der westschwedischen Stadt Halmberg (eine Zusammenziehung aus Halmstad und Varberg). Hier schließlich, um sich der Versuchung durch andere zu entziehen, hatten sie ihren Freundschaftspakt durch die völlige leibliche Hingabe, die sogenannte "Ausschweifung", und durch einen Blutaustausch besiegelt. Sie beschließen fortzugehen:
 
"Wir wollten nur größere Einsamkeit, größere Sicherheit für den Sonderfall unseres Daseins. Wir betrachteten Landkarten. (...) Wir wählten eine Insel, ein Granitmassiv, das aus dem Meere aufragt, von tausend Buchten zerrissen, von vielen Schären umstanden." (WT 2, S. 758f)
 
Die Beschreibung, die hier noch an Åland denken lassen soll, wird dann bei der Ankunft auf der angesteuerten Insel im Sinne der milderen Geographie Bornholms verändert:
 
"Ungewiß lagen die Granithügel des meerumspülten Landes im feuchten Dunst der niedrigen Wolken und salzigen Nebel." (781)
 
Auf dem Land, das sie kaufen, befindet sich ein "vergessener Opferplatz aus heidnischer Zeit" (WT 3, S. 10). Beim Plan für ein Haus mit Pferdestall bringen sie die Architekturvorstellungen zur Anwendung, die sie sich in den Bergen Norwegens bildeten: dicke, bergende Mauern aus rohgebrochenen Granitblöcken. Auch der Name der Brache, auf der sie junge Eichen pflanzen, soll an Norge erinnern: "Urrland" (11). Der Vergleich mit Norwegen fällt für den neuen Wohnort - Bornholm - zunächst sehr prosaisch aus und entspricht so den Verlusterfahrungen des Erzählers und der durch den Blutaustausch bei Tutein hervorgerufenen körperlichen Schwächung:
 
"Anfangs, als Tutein und ich auf diese Insel gekommen waren, glaubten wir, es gäbe hier so viel Wind und nüchternes Dasein, so wenig Verbrechen und Ausschweifung, berechnenden Ackerbau und Gedanken des Fortschritts, zu viele Wege und durchforstete Gehölze, Kirchhöfe wie Mistbeete gepflegt, kaum wildes Getier, keine verrufenen Mühlen und unergründlich tiefe Wasser, daß die Könige der vielen Orte, die Unsichtbaren, gestorben. - Doch dann faßten sie Vertrauen zu uns, wichen uns nicht mehr aus." (WT 2, S. 610)
 
Der mit Horn gleichaltrige Tutein stirbt mit 42 Jahren an einem unbehandelten Fieber als Folge einer Fahrt durch eine regnerische Nacht und des Sturzes in einen nahe des Hauses gelegenen Tümpel. In einer ebenso stürmischen Novembernacht begegnet der 49jährige Horn im Rotna-Hotel der kleinen Hafenstadt (dies entspricht einem von Jahnn bevorzugten Hotel in Allinge an der Nordwestspitze Bornholms) einem teuflischen, nihilistischen Fremden. Dieser wirft ihm sein "nutzlos vertanes Leben" (WT 2, S. 284) und seinen illusionären Glauben an die Identität und den Besitz der Erinnerungen im reißenden Fluß der Zeit vor. Horn flieht hinaus, landeinwärts:
 
"Mich fror. Wie lauter kleine Nadeln sickerte der Sturm durch das Gewebe meines Mantels und kam leckend bis an meine Haut. Er war mir im Rücken. Er trieb mich die Straße hinauf. Wie schwarze Hunde jagte es an meinen Füßen vorbei, mir vorauf." (WT 2, S. 184)
 
Er faßt den Plan, sein Leben niederzuschreiben:
 
"Es bereuen? - Ich kann nicht bereuen, der zu sein, der ich geworden bin. Mich dessen schämen? - Ich werde die Scham verlieren müssen. Mich bessern? - Wo könnte ich das Bessere finden? (...) Ich muß die Erinnerung wollen. Sie ist mein Maß. Ich darf nicht der Mensch sein, der nach vierundzwanzig Stunden vergißt." (196)
 
Im September-Kapitel wird ihm eine glückhafte Erinnerung zuteil. Beim Gang durch die junge Eichenpflanzung tritt ihm jäh das Bild Tuteins vor das innere Auge:
 
"Eine Sekunde lang schimmerte sein Gesicht in der Frische jener Jahreszeit, märzlich gerötet (...) Es glich der höchsten Wollust, daß ich ihn in mir wiedergefunden, wenn auch nur für kurze Zeit" (WT 3, S. 247).
 
Diese genaue, unverwischte Erinnerung nennt er "das einzige unumstrittene Glück des Lebens" (247), d. h. sie hat die Intensität einer leiblichen Präsenz, sofern und solange sie durch den Ort in der Zeit gestützt wird.
Horn sucht einen Bestattungsplatz für den versiegelt aufbewahrten Sarg Tuteins. Der zuerst in Augenschein genommene Platz an Land scheint ihm jedoch nicht sicher genug zu sein. So gibt Jahnn seinem Alter ego folgende Bedenken ein, geschrieben auf Bornholm während des Zweiten Weltkriegs:
 
"Inmitten der Menschenwelt, inmitten der Tollheit einen langen Grabfrieden. Bin ich töricht? Kenne ich nicht die Unrast meiner Mitbesessenen? Kann ich auch nur vermuten, daß diese kleine Unterwelt in der Einöde unbehelligt bleibt?" (327)
 
Zusammen mit seinem Diener Ajax beschließt er, die schwere Sargkiste bei einer nächtlichen Bootsfahrt im Meer zu versenken. Der angesteuerte Ort: "Ein paar Meilen vor der Küste gibt es eine Rinne, wo die See achtzig oder gar hundert Meter tief ist" (328), deutet auf die Ostsee zwischen Bornholm und Südschweden hin - und wird nun zur Verkörperung des Totenflusses.
 
"Ich schaute über den Bordrand. Das schwarze gurgelnde Pech des Meeres. Dies Glas, aus zwei Gasen entstanden. Dieser dickflüssige schwere Nebel im Tal zwischen den Erdfesten. Auch dies ein Acheron, und wir die Fährleute." (339)
 
Einige Tage später fahren Ajax und Horn erneut zur Sandbucht von Krogeduren und schauen übers Meer, "das ins Allgemeine ausgedehnte Grabmal" (366). Nur ein solches reales Unendliches läßt Horn als Ewigkeitsbild, als "Fluß ohne Ufer", gelten, nicht die falsche christliche Unendlichkeit von Himmel und Hölle, die sich die Menschen machen, indem sie sich zwischen zwei Spiegeln stellen; und kaum die heidnischen Bautasteine, die sie am Ufer betrachten:
 
"Seelensteine aufzurichten, es ist wahrscheinlich ein schöner Brauch. Auch sie verwittern. Die Körper ihrer Kristalle werden zu Sand. Und so zerstäubt die ewige Seele mit ihnen." (368)
 
Immer bedürftiger wird Horn nach dem verbergenden Nebel, der tröstlichen Verschleierung des Blicks auf die vernichtende Unendlichkeit der Schöpfung, und immer begieriger, die Erinnerung an die Menschen und Dinge, die er liebte, festzuhalten:
 
"In der Glasveranda des Hotels von Kaasvang nahmen wir das Mittagessen ein, mittelmäßige Speisen, die durch festliche Erinnerungen und die unvergleichliche Herrlichkeit des Meeres unter halbschlafenden Kiefern verschönt wurden. Das Gestade von Krogeduren konnte man in der Ferne nicht erkennen; es lag eingebettet in die größere bis an den Horizont hingeschweifte Linie, die noch einmal durch ein Vorgebirge im Raum aufgehalten wurde, um dann in den Nebel der Unendlichkeit auszuschwingen. Das Meer konnten wir von der hohen Warte dieses gläsernen Speisesaales bis weit hinaus überschauen. Wäre es durch eine übernatürliche Kraft abgesogen worden, so hätte unser Auge jene tiefe Rinne mit dem Grab Tuteins wahrnehmen können.---" (368)
 
Ein besonderer Trost des immer Vereinsamteren, ein besonderes Glück des Geborgenseins und der Erinnerung sind Horns Kutschfahrten mit seinem Pferd Ilok über die Insel.[13] Sie geben dem Buch einen unvergleichlichen poetischen Reiz:
 
"Vielleicht ist es das beste, wenn ich (...) mit Ilok die Straßen befahre (...) Ich muß eine Verwundung in mir heilen." (WT 2, S. 665)
"Sie ist schwanger. Die Karren des Todes ziehen tragende Stuten. Wer noch einmal, im Leib einer Mutter, schaukelnd über der Erde schweben könnte, in der genauen Wärme, die ihm wohltut!" (WT 3, S. 340)
 
Die Kutsche ist seine "rollende Heimat", er sitzt in der wohltätigsten Abgeschiedenheit eines Gefährtes, das "ein Pferd auf der Kruste des Erdballs dahinzieht." (367)
 
"Das Knirschen der Räder, die Hufschläge, das Trommeln des allmählich gröber werdenden Regens auf dem Schirm des Verdecks, der hörbare Wirbel meines Herzschlages in einer Ader meiner Lunge oder meines Halses - sie vereinigten sich zu einem einzigen glückhaften Geräusch. Zu einer fortwährenden Erquickung, zum Nichtwünschen." (484)
 
Vor seinem Ende erlebt Horn noch einmal die Verdichtung der äußeren Welt zu einer Seelenlandschaft:
 
"Hernach konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, die herrliche einsame Straße nach Rotna zu fahren. (...) Ich sank in die Straße ein. Wie ein Spalt war sie in die Wälder und in die wildbewachsenen Hügel der Klippen eingelegt. (...) Ich fuhr ein wenig später über die unvergleichlichen Hügel, die zuweilen so karg sind, daß nur noch Heidekraut, wilde Beeren, Dornbüsche, geduckte Eichen, zerwehte Kiefern und gedrechselte Machangelbäume sich in den Mulden und Spalten der rundgeschliffenen Klippen ansiedeln. Ich liebe solche Einöde, über die kein Pflug gehen kann, fast zu sehr. Ich kann mich nicht satt sehen. In der Ferne, tief unten, lag das Meer, bleich, grau, ausdruckslos, nur ein unbestimmtes nebliges Schimmern, weniger, ein Dunst. Es hatte nur seinen Geruch, der sich unbegreiflich mit dem von Moor und nassem sterbenden Laub mischte. Kein Tier am Boden zeigte sich mir; nur am Himmel schwamm die schöne gebrochene Linie verspäteter ziehender Wildgänse, die beinahe flüsternde, verhaltene Schreie ausstießen." (531f)
 
Es ist der gleiche Ort wie in dem Aufsatz "Die Insel Bornholm", doch werden dort die Fischerdörfer "mittels betongefaßter Asphaltstraßen zersägt", um die "Allerweltslandschaft" hervorzubringen. (WT 7, S. 375)
Auf "Fastaholm" ist die Straße wie ein Spalt in die Landschaft eingelegt. Wie in den Schoß der Mutter zurückgekehrt fährt Jahnns Erzähler Horn durch die verhangene Landschaft und kommt seiner Schimäre, der Umkehrung der Zeit, näher denn je. Auf Bornholm hatte Jahnn einen idealen Ort gefunden, nordisch genug, um den Zwiespalt zwischen der menschlichen, kreatürlichen Welt und der vernichtenden Gleichgültigkeit des Alls zu empfinden, aber auch so milde, daß die Phantasie ihn mit den realen und den Traumgestalten seiner Liebe bevölkern konnte.
 
  

[1] Thomas Scheuffelen, Hans Henny Jahnn im Exil. Exilmotive in seinem Roman "Fluß ohne Ufer" und eine Chronik von Leben und Werk 1933 -1945, München 1972 (Masch.), S. 109.

[2] Für die biographischen Angaben wird, wenn nicht eigens erwähnt, auf die ausführliche Biographie von Thomas Freeman, Hans Henny Jahnn, Hamburg 1986, verwiesen.

[3] Werke und Tagebücher in sieben Bänden. Mit einer Einleitung von Hans Mayer, hrsg. von Thomas Freeman und Thomas Scheuffelen, Hamburg 1974, Bd. 7, S. 368-375. Nach dieser Ausgabe (WT) wird im Text zitiert.

[4] Zitiert nach Freeman, a.a.O. (s. Anm. 2), S. 287f.

[5] Hans Henny Jahnn, Werke in Einzelbänden. Hamburger Ausgabe (HA), hrsg. von Ulrich Bitz und Uwe Schweikert, Briefe. Erster Teil 1913-1940, Hamburg 1994. An Ernst Eggers, 21.11.1934, S.746f.

[6] WT 7, S. 657-709.

[7] WT 6, S.123-128.

[8] WT 6, S. 129f.

[9] Freeman, a.a.O., S. 48.

[10] "Bornholmer Tagebuch", 17.März 1935: "Ich begreife, ich habe mich zu sehr bemüht, ein neues Leben zu beginnen." WT 7, S. 701f.

[11] Ebd., S. 678.

[12] Ebd. (26. März 1935), S. 705.

[13] Für eine genaue Erschließung dieses Motivs im Roman als "erotisch-ästhetische Erfahrung" sei auf das Buch von Roswitha Schieb verwiesen: "Das teilbare Individuum. Körperbilder bei Ernst Jünger, Hans Henny Jahnn und Peter Weiss", Stuttgart 1997, S. 251-273.