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Deliciae Prussicae, oder Preussische Schaubühne

  • Author
    Matthäus Praetorius

Original Text

Sage über den Schlangenkönig: 3. Bd., IV. Buch, 3. Kapitel, §11
 
§11. Ich zweiffle nicht, der Teuffel werde auch bey den Alten Preussen nicht minder seltzame Inventiones gehabt haben, wodurch er Sie verleitet, solche Eichen-Oracul und Gottesdienste anzurichten. Bretkiusl(70) gedencket, wie einsmahls unweit Labiau in einem Gestrauch ein Mann, den man Dywullis genant, wahr genommen eine grosse Versamlung der Schlangen, in welcher Mitten eine Schlange von sonderlichen Farbe und Grösse, einige Spitzen in Gestalt, einer Krohn auffgehabt. Dieser Dywullis hat sich anfänglich gescheuet nahe anzutreten, alß Er aber siehet, daß die Schlangen sich von der Städte nicht rühren, und gleichsahm vor Todt liegen, versucht Er mit Seinem Stab, die oben gelegene Krohn-Schlangen zu rühren. Kaum hat er den Stab dahin geleget, rühret sich nicht nur die Obern-Schlange, sondern es haben sich auch die andere Schlangen, mit einem solchen Gerausch hervorgethan, daß der Mensch da von lauffend, endlich gantz taub und Sinn-loß worden, in welcher Schwachheit er biß in den Siebenden Tag gelegen. Nach welcher Zeit dieser Dywullis wieder an den Ort gangen, Sein Stab zwar, aber nicht die Schlangen finden. Es habe aber der Dywullis bey sich eine sonderbahre Krafft gemerckt, so gar, daß er hat können andern Leuten, denen waß gestohlen gewesen, sagen, wo es hingekom[m]en, und wie solches er wieder bekom[m]en können. Er habe auch bemercket, daß der Stab die Krafft erhalten. Daß wenn Er ein beschädigtes Vieh angerühret, ist es bald heil worden. Zu diesem Dywullis haben einige Leute bey Labiau ihr Vieh gebracht. Wenn Er dasselbige mit seinem Stab angerühret, haben sie sich eingebildet, daß das Vieh vor Schlangen-, Wolffs und Bähren-Biß sicher und frey wäre. An diesen Schlangen Ort haben viele Leute bey Labiau herumb den Schlangen, oder je dem Teuffel geopffert. Zweiffels ohn, so Sie in ihrer alten Freyheit der Abgötterey noch wären bestanden, sie ein offentlich Oracul und Heyligkeit würden gestifftet haben.

Dergleichen Dinge, meyne Ich, werden viele geschehen seyn, wo durch die Leute ein Heyligthumb an gewisser Städte, bey Bäumen, Flüssen, Wäldern, Steinen etc. etc. anzurichten.

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l(70) In M. S. pag. 16.

[Msc. Bretkius, Joannes, Chronicon des Landes Preussen, colligiert durch Joannem Bretkium Pfarhern zu Labiau […].]

 

2. Erzählung über den Blitz und den Bettler: 3. Bd., IV. Buch, 6. Kapitel, § 10

§10. Hie muß ich noch eine seltzame Begebnis erzehlen, die sich zu Nibbudzen etwa A[nn]o 1652 zugetragen, Es kompt ein Kerl auß Pohlen geritten im gemeinen Landwege, wo selbst auch mein alter Potabel Mikkele Uszupijs gangen, hinter welchem ein alter Bettler ein Zamait nachhinckete, eben als ein graüliches donnern über vermuthen in der hast entstanden. Selbiges Gewitter ist so grausahm gewesen, daß man nichts alß lauter blitzen gesehen, und donner-schläge mit grausahmen krachen gehöret. In dem diese drey zusammen kommen, gehen die Blitzstrahlen so durch ein ander, und auff den Pohlen, den Usupijs und den bettler, das mehrentheils auff den Pohlen, daß man eigentlich gesehen, alß wolte ihn das feur verzehren, welches aber der Pohle theils in der angst, theils, daß ihn das blitzen so gantz überfallen, nicht empfinden mögen. Der Pohl aber sampt den andern beyden werden auch vom Gewitter so auffgehalten, daß sie auß der Stette nicht kommen können. Der Bettler spricht zu dem Mikkele: „Siehe, da will der donner auffs pferdt schlagen, und kan nicht, der Donner wird auffgehalten, es muß was im Sattel seyn, wenn er den Sattel wegwürffe, würde man es bald finden“. Der Mikkele glaubet diesem, und sagt zu dem Pohlen, Er solte herunter vom Pferde, und den Sattel wegwerffen, sonsten würde er sterb[en]. Der Pohl herunter vom Pferde, wirfft den Sattel eine ecke von sich, der alte Zamait wil nach dem Sattel eilen, aber weil er hinckete, künte er nicht dahin kommen, da im mittelst der donner in den Sattel schlägt, und ihn vor ihren augen zu aschen verbrennet, so in einem Nu schier geschehen, welche Asche der grausahme drauff erfolgete Sturmwind bald verwehen wollen. Der alte Zamait aber hat doch etwas von der Asche erhaschet, davon er gegessen, und daß übrige verwahret. Das Wetter aber hat bald drauff auffgehöret und als der Mikkele in den nechsten Krug zu Nibbudzen kommen, undt es andern Leuten erzehlet, sind noch etliche auff die stelle gegangen, da sie den Bettler noch gefunden weinendt, daß ihn Gott nicht hätte von der Welt genommen. Dem Mikkele aber hats bald gereuet, daß er auch von der Asche nichts genommen, denn er hernachmahls erfahren, daß wer von der asche geniesset, die Gaben sol erhalten, Feur zubesprechen, auch künfftige dinge zu weissagen.

Nach einiger Zeit erfähret dieses der damahlige Pfarrer Andreas Krause, der forschet fleissig nach dem Zamaiten, wo er doch anzuttreffen möchte seyn, da er ihn endlich außfraget, und mit glimpft zu sich bekompt, und ihn fraget, wie er so eylig nach dem Sattel gelauffen, da er doch gewust hätte, der Donner würde drein schlagen. Der hatte geantwortet: „Ich wolte gern der Welt loß sein, und wen mich Gott durch seinen Donner zu sich genommen hätte, würd ich ohne einige schmerczen auffgelöset seyn, und dort im Himmel meinem Gott dienen, und darauß hätte ich schliessen können, daß ich Gottes Kind wäre, weil Er mit seinem Kinde, dem Diewaite, mich zu sich nehme“. Allein worzu hätte er die Asche genommen?

„Die Asche“, hatt er gesagt, „hat mir Gott gegönnet, daß ich von langwieriger Kranckheit sicher bin, und daß mich Gott doch dermahleins werde wunderlich ohne schmertzen wegnehmen“. Der Pfarrer fragte weiter: ob denn die asche sonsten worzu gutt wäre? Der Zamait antwortete, sie mag freylich zu vielen dingen nutzen, wieder das feur, auch wenn einem etwas gestohlen, daß man dadurch erfahren kan. Allein er hätte die Asche gebrauchet nur dazu, was er erst erwehnet hätte, der Mikkele aber meynet, er habe von dem alten Zamaiten damahlen gelernet, wie die anzündende blitze von den nicht zündenden zu unterscheiden, und wust selbiger, wenn ein Gewitter entstehet, bald zu sagen, ob das Gewitter zünden wird oder nicht, welches ich auß blosser Curiosität von demselben menschen lernen wollen, aber wegen blödigkeit meiner Augen, die das blitzen nicht vertragen können, nicht habe faßen können.

Sonsten vom Blitz des Donners ist eine alte beständige Meynung bey den Nadrawen, daß die Blitzstrahlen die Zucht-diener seyn des Donners, die einen menschen werden suchen, und endlich auff die stete führen, wo der Donner einschlägt.

 

3. Verbrennung einer besonderen Tanne: 3. Bd., IV Buch, 6. Kapitel, § 14

§14. Dieses aber ist mercklich, als A[nn]o 1664 die obengedachte Thanne durch einen donner versehret, und zur Preuss. Abgötterey unbrauchbar von Gott gemacht war, sagten die alten Nadrawer ins gemein: „Nun, der Diewaitis (Gott) Perkuns uns dieser schönen Tannen, dadurch er unß so viel guttes erwiesen, beraubet, werden wir in solche bekümmernis und bedrückung fallen, in welcher wir noch nie gewesen”. Meyneten gar gewiß, daß eine grosse Verenderung erfolgen würde. Denn wen solche heilige höltzer vom Diewaitis, i.e. Gott, so nennen ihn noch die Nadrawen, gerühret würden, würd es auch mit denen, die dieselben geehret oder gebrauchet hätten, hin seyn, und sey inner Manns gedencken keine besserung zu hoffen. Dieses ihr ominiren ist, daß ich die warheit reden sol, in so weit erfüllet, daß von vielen bedrückungen, so das Nadrawen empfangen von A[nn]o 1664 biß nun her, etzliche Tausend Huben wüst worden, wozu aber die Tanne, oder daß einschlagen nichts operiret hat. Haben auch also hierin die Alten Preussen mit den alten Heyden insonderheit den Römmern dieses gemein gehabt, die von einigen donner, die sie publica geheyssen, zweiffels ohne darumb, weil sie publicas aedes gerühret, also geurtheilt, daß sie inner 30. Jahren die Erfüllung dessen, was sie bedeutet, erst darthuno(174).

o(174) Peucer[us]. c. l.

[Peucerus, Caspar, Commentarius de praecipuis divinationum generis […]. Vide a(135).]

 

4. Suche nach einem verlorengegangenen Mann; Tilussonis Zeremonien: 3. Bd., IV. Buch, 9. Kapitel, § 4-5

§4. Tilusseii oder Tilussznei sind die Weidulutten gewesen, die in den Dörffern bey den Herren und andern Preussischen Einsaassen das Ampt eines etwas geringern Weidulutten bedienet, wiewol sie zu der Zeit da des Krywe imperium auffgehöret, wol die Vornehmsten mögen gewesen seyn. Dieser ihre Verrichtungen sind mit den andern Verrichtungen der Weidulutten eins gewesen, nur daß sie in Burten oder Weideln (habe „zaubern“ sagen wollen) ein sonderliches Gemürmel gebraucht, sonsten aber gantz still sich erwiesen, auch zur stille bey vollführung solcher Weideley andere angemahnet. Was diese Tilussznes vor Ceremonien sonsten gehabt, finden wir nirgend beschrieben. Auß dem angezogenen Privilegio A[nn]o 1249 d[ie] 7. Id[us] Febr[uarii] per Jacob[um] Leodic[ensem] Archid[iaconum] Leg[atum] Apost[olicum] gegeben, aber erhellet, daß sie haben die Leute zum Heydenthumb wieder beredet, und gen Himmel sehende außgeschrien den Zustand des Verstorbenen.

§5. Sonsten habe von Glaubwürdigen Leuten erfahren, daß man in Zamaiten noch dergleichen Leute findet, wie denn unweit von Woynutten einsmahls der damahlige Prediger zu Coadjuten N. Zinthius, seinem bericht nach, einen alten Zamaiten zwischen zween Eichen spätte des Abends im Sommer bey wol-besternetem Himmel stehend angetroffen, mit beyden händen nach der Lufft bißweilen greiffend, dabey er aber nicht ein wort geredet. Derselbe Zamait hat gestanden über eine gantze stunde, daß ihm obgedachter Pfarrer zugesehen, doch daß er denn und wenn ein geheimes murmeln observiret. Der Kerl aber hat so steiff gestanden, und in allen seinen Gliedern so unberührsam, daß man hätte meynen sollen, er wäre so auß der Erden gewachsen. Die Augen und das Gesicht hat er so steiff gen Himmel gehalten, daß man sie gar nicht bewegend gesehen, und hat man allein auß dem Lufft greiffen der hände schliessen können, daß er lebte. Der Pfarrherr hat ihn etzliche mahl angeredet, welcher ihm aber nichts geantwortet, auch nicht nach ihm, sondern immerhin nach dem Himmel gesehen. Der Pfarrer hat endlich die Resolution gefasset, dem Kerlnäher zu tretten, und ihn mit schüttern zum reden zu bewegen. Allein er hat alsobald welche Leute in einem nahe bey gelegenen Thahl bemercket, daß er von ihnen würde gefahr haben, deßwegen er auff Erinnern seines Potabels, oder Littawischen Kirchen-Vatters, es unterwegen gelassen. Von dehme er erfahren, daß dieser Alte Zamait ein Zauberer wäre, der den Leuten Nachricht geben würde von einem derer im Thal liegenden Littawen Freunde,  der entweder wird gestorben, oder sonsten weg kommen seyn, davon sie keine Nachricht haben. Nun auß Curiosität hat er von weiten dem Zamaiten zugesehen, und erwartet, was er doch endlich machen würde, da er sich denn eines nahe dabey gelegenen Pusches bedienet. Seinem Potabel aber mit dem Wagen sachtlich hinweg zu fahren, und an einem gewissen Orte stille zu halten anbefohlen. Wie Er nun mit grossem verlangen, auch grossem verdruß fast zwei stunden lang gewartet, so gar, daß ihm dünckete, es wäre fast Eilffe in der Nacht, hat sich ob benannter Zamait hin und her anfangen zu bewegen, nach allen vier Lufft-streichen.

Alß dasselbige eben eine Viertel Stunde gewehret, ist der Kerl auff seine Knie niedergefallen, hat dreymahl die Erde geküsset, darauff auffgestanden, und grausahm dreymahl geschrien: „Way? Way? Way?“ Auff diese Losung haben sich die Leute auß dem Thahl zu ihm hervor gemacht, sich bey der Eichen nieder gekniet, gen Himmel sehendt, und die Hände in die höhe haltend ein Gebeth mit murmeln verrichtet, dabey er die hände dreymahl niedergeschlagen, bey welchem Niederschlagen die Leute zu dreyen mahlen die Erde geküst. Daß möchte etwa eine viertel Stunde gewehret haben. Darauff sind sie auffgestanden, und der Zamait hat ihnen ihres Freunden zustandt eröffnet, mit deme aber hats die beschaffenheit gehabt.

Es hat sich der Leute Freundt vor einen Diener bey einem Towarisch verthan, der mit ihme in den Polnischen Krieg wieder die Cosaken gezogen. Deß Dieners Herr ist von den Cosaken gefangen worden, dieser aber hat in dem selben scharmützel drey Wunden empfangen, daran er geheilet worden. Dieses hat der Zamait den Freunden beygebracht, und hat sich auch also wahr zu sein befunden, alß über ein halb Jahr der Weggekommene Freundt sich bey seinen Freunden eingefunden.

 

Beschreibungen der Bräuche:

1. Vom Einsee-Fest: 3. Bd. V. Buch, 4. Kapitel, § 1-6

§1. Waß das Fest des Pergubrii betrifft, ist zu wissen, daß man hiesieges Orts denselben Nahmen alß eines Gottes, oder auch einer Feyer nicht hört, allein das Fest wird, ihrer jetzigen Rede nach, Gott oder Zemynelen gefeyret, mit allerhand Aberglauben vermischet und daß sehr heimlich und gemeiniglich des Abends, ziemlich spät, wenn sie sich keines Gastes vermuthen, und da jemand ohngefehr darüber zu maaß käme, werden sie es also bald abthun, und kan man sehr schwer unter diese ihre arcana kommen, es sey denn, daß man einen dahin gewinnet, daß er von sich selbst ablässet, alßdenn entdecket ers wol in Vertrauen seinem Pfarrern, wiewol mit grosser Blödigkeit, auch erst nach gnugsamer Versicherung, daß man ihn nicht extradiren werde, und doch sagt er nichts von andern, sondern nur, was er selbst hierin getahn. Allein, weil unterschiedliche durch Gottes Gnade ich gewonnen, daß sie selbst von solchem Aberglauben abgestanden, ersehe ich, daß es durchgehends seyn kan und daß in gar geringen Dingen ein kleiner Unterscheidt sey, der nicht in confideration zu ziehen wäre, und so sol es gehalten werden.

§2. Wenn nun die Vorjahrs Zeit heran kompt, das man mit den Ochsen den Acker zu pflügen gedencket, wirdt der Wirth, nach dem er Bier, so er dazu eigentlich vom ersten würffel Getreydig gebrauen, in einer Kanne nebst einigen Kauszelen auff den Tisch, der sauber bedecket ist (sein Pfluggeräth muß er bey die Pflug-Ochsen in den Stall gebracht, auch den Ochsen ein Futter vorgegeben haben), setzen, wobey die Wirthin einen Strützel undt Brodt, item Warszkas, i. e. Glumbsde mit Rahm oder Schmandt vermenget, in einer Schüssel auffträget.

§3. Drauff wird er mit seinem hierzu beruffenem Gesinde, das nur Manns-Volck ist und seyn muß, vor den Tisch tretten, die Kauszel voll Bier giessen, und drauff, selbige Kauszel in der Hand haltend, sein Gebeth thun, in welchem er erst Gott dancket, daß er ihn sampt den Seinigen, Vieh, Hauß, Hoff und Vermögen gesundt erhalten, und darauff bittet, daß er weiter wolle gnädig seyn, Ihn, die Seinigen und all sein Vermögen, welches er zumahlen, wenns important ist, mit Nahmen nennet, vor allerhand schaden und Unglücks-Fälle, die er auch pflegt zu specificiren, behütten, ihn segnen etc. etc.

§4. (Vor diesem und zu unserer Vätter Zeiten, haben sie in Nadrawen, Zalavonien Natangen und Sudawen einen Kerl, den sie Maldikkas, item Maldininkas, i. e. Bether nennen, zu sich beruffen, der hat beten und an statt eines Weidulutten oder Wurszkaiten dienen müssen, derer noch viel an der Zemaitischen Gräntze sich finden). Nach verrichtetem Gebeth giesset er ein wenig auff die Erden der Zemynelei, i. e. der Göttin der Erden, zu Ehren, und darauff hebt er an zu trincken. Kaum daß er einen Schlucks gethan, hebet er wieder an zu palabinken, i. e. den Trunck zu segnen und einen Wunsch zu thun, das Gott ihme und den Seinigen alles wollbekommen lassen und weiter mehr bescheren wolle; drauff trinckt er die Kauszel, die wieder volgegossen, weiter herumb undt den die andern alle, biß es wieder an den  Wirth kompt, sie sind lauter Manns-Persohnen, damit heben sie an zu essen, und zwar in aller Stille. Nach der Mahlzeit dancket der Wirth, die Kauszel in der Handt haltend, Gotte, daß er ihn die Zeit erleben lassen und seine Gaben gegönnet hat zu verzehren, recommendiret sich, seine Gesinde, sein Vieh, seine arbeit, seine Saat, sein Feld etc. in Gottes Segen etc. und trincket palambindams et zemynelaudams die Kauszel herumber, und die Kauszel gehet dreymahl herumb, wird aber nicht mehr libiret noch gesegnet, und damit springen sie mit Freuden auff und gehen mit frölichem Gesicht zur Arbeit. Und daß ist nur der Prodromus von diesem Fest, das ein Wirth in seinem Hause begehet, da er keinen Maldininker oder Weideler haben kan.

§5. Anders aber wird procediret, wenn er einen Maldininker hat, der nimpt eine geweyhete und gefüllete Kauszel in die Handt, fällt auff seine Knie oder stehet und bethet vor den Wirth, Wirthin, Kinder und Gesinde, Hauß, Hoff und was darinnen (da er alles in specie auch wol bißweilen in individuo gedencket), und Gott bittet im gutten Wolstande zu erhalten, wobey ein solcher Maldininks genau observiret, daß er alles mit berühret, daß Gott den Wirth etc. etc. gesundt an allen Gliedmassen, das Gesinde zur Arbeit und Treue, das Vieh zu geniessung des Futters, Trinckens, zu verrichtung allerhandt Arbeit, die mit specificiret wirdt als pflügen, hacken, eggen, säen etc. etc., segnen und vor allem schaden (der dem Menschen und Vieh, Hauß und Hoff begegnen kann, die er auch bey jedem Specialiter gedencket) bewahren wolle, das wehret eine gutte weile.

§6. Drauff setzet er die Kauszel auff den Tisch, fasset sie mit der Hand auff und giesset etwas der Zemynelen auff die Erde, und darauff palabinkt er und setzet sie wieder auff den Tisch, die wird ihm wieder voll geschencket. 

Darauff faßt er die Kauszel mit den Zähnen auff ins Maul, säufft sie also auß und wirfft sie über den Kopff; doch, wo der Maldiniks sehr alt ist, setzet er sie wieder auff den Tisch; da sie aber über den Kopff geworffen wirdt, muß der Wirth wol acht haben, daß die geweyhete Kauszel nicht auff die Erde falle; bald wird ihm die Kauszel noch einmahl eingeschenckt,  dabey er seyn Gebeth thut vor den Acker, daß er sich wol möge betreiben lassen, daß kein schade den Arbeitern, dem Vieh, der Saat etc. etc. geschehe, da er allerhandt Unglück gedencket, das hiebey entstehen kan, und das wolle Gott abwenden.

Drauff giesset er nochmahlen auff die Erde und palabindams trinckt er diese Kauszel eben wie die vorige auß, denn wird ihme die dritte Kauszel vollgefüllet; da bittet er Gott, daß er zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein geben, daß das eingesäete wol grünen und Korn setzen, und waß dem hindert, abwenden möge, da er der Zauberey, des Raubes etc. etc. gedencket, daß solcheß nicht möge hie geschehen etc. Darauff trinckt  er sie mehrem theils auß; das wenige, was drinnen bleibt, damit besprenget er die Anwesenden; denn wird ihm die vierdte Kauszel gebracht, die trincket er nach gehaltenem kurtzen Gebeth, daß ihn Gott erhören und alles gutte an ihm erfüllen, auch diese Speise, so sie zu sich nehmen werden, benedeyen wolle, und trincks dem Wirth zu, wirfft sie aber über den Kopff, die ein ander oder der Wirth empfänget und einschencket, der sie von dem Maldiniks empfähet mit beyden Händen und trinckt nach gehaltenem kurtzen Gebeth palabindams seinem Nachbahrn zu, und diese gehet einmahl herumb, werffen auch die Kauszel übern Kopff weg. Solcheß werffen über den Kopff geschiehet zu bedeuten, daß Gott ihr Getreydig so hoch und gutt wolle wachsen lassen, daß es über ihren Kopff stehen und die Ahren sich abwerts beugen mögen, wie die Kauszel sich über den Kopff lencket, i. e. daß die Ahren sollen wichtig seyn. Die Kauszel muß nicht auff die Erde fallen, zu bedeuten, daß das Getreydig auffm Felde nicht müge zur Erden legen und so verderben möge. Darauff fängt der Maldininkas ein Lied an, nach geendigtem Liede essen sie, nach dem Essen bethet der Maldininkas und trincket eben wie zu vor dreymahl, zum vierdten mahl trinckt ers dem Wirth zu, und das geht dreymahl wieder herumb, das Gesinde aber stehet denn auff frölich zur arbeit, unnd also wird der Pflug zu erst auffs Feldt gebracht.

§7. Wenn nun die Leute vom Felde nach Hause kommen, das geschieht aber diesen Tag fein zeitig vor Abends, wirdt die Wirthin genau ihrer Leute ankunfft beobachten undt mit einer Magd bey der Thür auffpassen. Die Arbeits-Leutte kommen mit ihren Ochsen, mit ihrem Pflug und Pflug-Eisen inß Gehefft, sie lassen nichts alßdenn im Felde, da sie sonsten den Pflug pflegen draussen zu lassen; wenn sie vors Hauß kommen, entkleiden sie ihre Füsse und gehen barfuß also ins Hauß, daß sie den Pflug und Pflug-Eisen alßdenn zu Hause tragen, geschiehet ihrer Meynung nach, damit nicht ein böser Mensch durch Zauberey ihnen und ihrem Vieh schaden thun möge, welcheß ihrer Einbildung nach leicht geschehen kann; daß sie aber barfuß hinein gehen, geschiehet, daß Gott ihnen möge rein Getreydig geben, ohne Unkraut, daß wie sie mit reinen Füssen ins Hauß tretten, also auch ihr Getreydig rein und ohne Fehl möge gerathen und eingebracht werden, und also barfuß gehen sie auch die Ochsen abzufüttern, umb daß Gott ihnen so viel geben wolle, daß sie ihr Vieh mit reinem Getreydig füttern können.

Die Strimpffe und Schuhe oder Parrösken der Leute läst baldt die Wirthin wegnehmen und auffheben. Ehe sich aber die Leute versehen, ist die Wirthin fertig mit einem Stüppel voll Wasser, und so auch die Magd und andere Gesinde, daß nicht mit arbeiten gegangen, und begiessen die Arbeiter pfützen-naß. Die Arbeits-Leute aber auch nicht faul, fassen ihreBegiesser ohn alles ansehen der Person an, werffen sie in den Teich, tauchen sie auch gar unter das Wasser und spielen sie also rein ab; wiewol aber die Wirthin sich auch mit einer Gabe loß machen kan, zumahlen da sie schwanger ist, etc. etc., aber das übrige Volck muß ins Wasser. Ins Wasser werden sie geworffen, item die Arbeiter werden begossen, zu bedeuten, das Gott zu rechter Zeit der Saat gnugsam Wasser geben möge.

§8. Nach diesem Rallen und Tournieren richtet die Wirthin den Tisch an, auff welchen sie gemeiniglich einen Schweins-Kopf und Schwein-Füsse in einer Schüssel oder andere Speisen auffträget, aber ein Schweins-Rüssel muß nothwendig seyn, anzudeuten, daß die Pflüger leicht den Acker mit einem Eysen umbwerffen mögen wie ein Schwein, wenn es in der Erden wühlet und die Erde auffwirfft. Darauff tritt der Maldininks vor den Tisch und bethet ebenfalls dreymahl mit eben den Ceremonien wie zuvor, zum Vierdten mahl trincket er dem Wirth zu, der es, wie er vor dem außgang seiner Leute bescheiden getahn, auß und herumb trincket, nachmahls wirdt gegessen, nach der Mahlzeit verfähret der Maldininks wieder wie zuvor, da er zum Vierdten mahl dem Wirth unnd der den Leuten zutrincket, die alle zum erstenmahl palambinken, und hernach auß und andern zu trincken, und das Trincken wehret so lang, biß der Wirth meynet, es sey Zeit zu Bette zu gehen. Denn nimpt der Maldininks wieder seine Kauszel, bethet abermahl und schliesset in das Gebeth ein, was er in allen dreyn gebethen hat, dancket Gott vor seine Gabe und Gnade, daß sie das Fest haben feyern können und bittet umb weitern Segen etc. etc. Das thut er stehend und mit ihm alle, die im Hause seyn, die trincken es auß, und damit hat das Fest ein Ende. Ist aber kein Maldininks, so bethet der Wirth, so gutt er kan, daß er auch die Ceremonien nach seinem wissen in acht nimpt.

§9. Ich habe mit grosser Curiosität gefraget, ob nicht jemandt das Wort Pergubrius gebraucht, meyne als einen Nahmen eines Abgottes, finde aber nur, daß sie in ihrem Gebeth das Wort paguberu gebrauchen, nemlich: „Wieszpatie, Diewe, paguberu dabar lauka mana etc. pristok mus, i. e. Herr Gott, jetzt hebe ich an oder wil bearbeiten meinen Acker“ etc. etc. Und wer weiß, ob die alten Preussen dieses auch nicht mögen so verstanden haben. Davon, die der Sprach unwissende, das Wort zum Wort Diewe conjungirende, Perguberij zum Gott gemacht gehabt und dahero sie das Fest Perguberus genennet.

 

Vom Augst –Fest:  3. Bd., V. Buch, 6. Kapitel, § 1-8

§1. Wenn die Augstzeit, und zwar das Korn zu schneiden heran kompt, wirdt zu erst der Wirth ein Tag, zwey zuvor, ehe es reiff wirdt, auffs Feldt gehen und daselbst eine Handvoll Korn heimlich schneiden und es in seine Klete, d. i. die Vorraths Kammer, da er sein Getreydig halten will, einlegen. Daß thut er nüchtern und geschiehet darumb, daß nicht jemandt die Erstlinge seiner Früchte nehme, durch Zauberey schaden thue.

§2. Wenn nun der Wirth mit seinem Volck außgehen will, Korn zu schneiden, nimpt er ein gutt Kamp, i. e. Ende Brodt, und den ein Stück Speck und geht auff sein Stück etwa nach gutt Frühstück-Zeit, hebet an zu schneiden mit seinem Volck etwa eine gutte hand voll, ein jeder von seinem Beth; drauff setzt er sich nieder uff das abgeschnittene Korn und sein Gesinde auch, jeder auff seiner Hand voll und auff seinem Bethe. Der Wirth schneidet das Brodt in so viel Stücke alß Persohnen seyn, und also auch das Speck, und denn fänget er an laut zu bethen, da er denn Gott dancket, daß er ihn die Zeit erleben lassen, er wolle die Erndte segnen und vor allem schaden ihn und alles Seinige bewahren, drauff essen sie das auff und fangen bald an zu schneiden.

§3. Die Wirthin unterdessen bestellet das Essen zu Hause, sie schneiden etwa biß gegen Vesperzeit, fast umb drey Uhr, darauff kommen sie zu Hause, der Wirth setzet sich bald bey dem Tische nieder, das Volck muß aber stehen, nimpt die Schaale in die Hand und thut sein Gebeth de tempore, dancket Gott vor die Zeit und recommendiret sich weiter Gotte, drauff trinckt er zemynelaudams und palabindams seinem Weibe zu, da setzen sich die andern alle nieder und trincken alle palabindami auß, und denn fänget der Wirth an zu singen. Nach dem Gesang essen sie, worauff nachm Essen, die Kauszel in der Hand hal tend, gebethet wird, und da der Wirth Bier hat und reich ist, wird er seinem Volck vergönnen, so viel zu trincken, biß sie frölich seyn, damit gehen sie von einander.

§4. Des Morgens aber und weiter müssen sie früh auff seyn und desto später wieder den Kornschnitt continuiren. Also verfähret der Wirth, wenn aber ein Maldiniks dabey ist, wird er die handvoll Korn, so der Wirth zuerst heimlich auß seinem Getreydig abgeschnitten, uff den Tisch legen, dieselbe mit  seinem Gebeth segnen, dadurch meynen sie, werde alles Getreydig, insonderheit die Auß-Saat, gesegnet seyn, wie sie denn die erste Handvoll auffheben, biß sie zur Saat dreschen, die sie in die erste Tage legen, und was außgedroschen zur Saat verwahren.

§5. Wenn sie wieder kommen, wird der Maldininks ein etwas weitläufftigers Gebeth thun de tempore, und nur palabindams et zemynelaudams-dreymahl außtrincken, die dritte Zahl observiret er ins gemein. Ob er solcheß thut in Honorem S[ancti]s[si]mae Trinitatis, oder ob ihm noch die drey Romovianische Götter im Kopffe stecken, stellet man dahin, sonsten aber höret man ihn nicht derselben gedencken.

§6. Wenn sie nun diese Feyer schliessen wollen, hebt der Maldininks wieder an zu beten, die Kauszel in der Hand haltend, dancket Gott vor die Pradetuwe (den anfang des Augstes) und bethet. Und nach dem er gesungen, trinckt ers auß, seiner gewohnheit nach, Zemelaudams und palabindams, undt trinckt es dem Wirth zu, und also geht’s herumb, damit ists zu Ende.

§7. Wenn der Korn-Schnitt geendigt wird, welches sie pabeigtuwe Ruggpjuties, consummatio messis, nennen, lassen sie ein Plätzchen Korn stehen, umb das Plätzchen stellen sich alle Kornschneider herrumb, der Wirth thut sein Gebeth mit Dancksagung zu Gott, daß er ihnen so weit geholfen, und bittet umb glückliche Vollendung, Einführung, und geniessung des Getreydigs.

Drauff hebt er an zu schneiden, aber umb das Korn zugleich mit der Sonnen herumb gehend; da die andere Schneider auch so machen, und daß geht sehr geschwinde zu und einer dem andern zuredet: „Bara bara“. Gleichsam, daß man eyfrig und hurtig den Kornschnitt endigen solle, undt mit gehen pflegt der Wirth ins gemein so genau seinen Gang wissen abzupassen, daß er, wenn nun alles abgeschnitten ist, uff die Stete kompt, wo er hat angefangen, undt denn schneidet er ins gemein die letzte Handvoll ab.

§8. Von der Hand-voll macht er ihme einen Strauß, undt vom übrigen wird ein Krantz von den Ahren gewunden, den setzet der Wirth oder der Vornehmste, auch wol gar der geringste Kornschneider auff das Haupt, und damit gehen sie singend nach Hause. Wenn nun der Korn-schneider mit dem Krantz nach Hause kompt, wird die Wirthin mit einem Stüppel mit Wasser fertig seyn und damit den Krantz-Träger begiessen, dabey wünschendt, wie von dem Wasser das Getreydig gequolen und sich vermehret, Also quelle und vermehre es sich in meiner Scheune und Speicher.

Drauff begehen sie das Fest nach der weise wie beym Fest Pradetuwe und schliessen es auch, also mit fressen und sauffen, bethen und singen nach der Altpreussischen Mode, i. e. die Kauszel in der Hand haltende, bethende und singendte etc. etc., auß und herumb trinckende, und wie es der Wirth machet, so machens die andere auch.

  • Country in which the text is set
    Prussia, Germany
  • Year of first publication
    1698